Blog 462 - 05.03.2017 - Mangelhafte Stellproben und trotzdem Spaß

Die fertig gedruckten Flyer kommen aus der Druckerei. Es ist nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zum Puppenstück, aber doch ein emotional wichtiger, denn es ist der erste schriftliche Beweis, dass ich im Juni spielen werde. Ich sehe meine Puppen abgebildet, kann die Termine lesen und freue mich sehr, was völlig unsinnig ist, denn ich kannte die Flyer ja schon vor dem Druck, weil ich sie selber gemacht habe. Aber trotzdem.

Auch beim Bühnenbau geht es ganz überraschend weiter. Im Zeitplan steht, dass die Spielleiste Anfang April dran ist. Weil aber ein Baumarkt in der Nähe einen 20%-Rabatt-Tag hat, berechne ich kurzentschlossen die endgültige Konstruktion, ändere im letzten Moment die dreigeteilte Wand in eine viergeteilte, lege Höhe, Breite und die Größe der einzelnen Elemente fest, zähle alles durch und gehe einkaufen. Holzlatten, zugesägte Platten, Winkel, Schrauben, Unterlegscheiben - es kommt einiges zusammen.

Dass ich die ideale Breite der Spielöffnung für die Handpuppenszenen beim Proben noch herausfinden wollte, ist unerheblich. Jetzt muss ich nehmen, was ich spontan abgeschätzt habe. Das Sparen bei den Ausgaben könnte sich umkehren, wenn ich dann doch andere Breiten benötige und neues Material kaufen muss. Aber ich stehe dazu, mutig Entscheidungen zu treffen, auch wenn diese nicht durchdacht sind.

Um das Gefühl für die Inszenierung zu bekommen, spiele ich alles nochmal in einem Stück durch. Das geht wegen der fehlenden Spielflächen, dem mühsamen Ablesen des Textes und der noch fehlenden Ausarbeitung der Szenen sehr holperig, aber ich habe immerhin viel Spaß am Spielen. Während ich selber über eine Szene lache und sehr vergnügt die Puppen bewege, sehe ich plötzlich vor mir, wie ich bei der Premiere mit freudigem Schwung und verstellten Stimmen die Puppen spiele, und vor mir ein stummes, fassungsloses Publikum sitzt und denkt: "Na, DIE hat ja Spaß. Aber was soll das?" Über dieses Bild lache ich dann schon wieder.

Insgesamt ist das Ergebnis jedoch nicht zufriedenstellend. Mangelhaft ist noch nett ausgedrückt. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn ich dreimal durchspiele und alles so toll ist, dass ich gar nicht mehr proben muss. Zu meiner Beruhigung habe ich die Erfahrung, dass Theaterinszenierungen mit Menschen bei den ersten Stellproben auch nicht überzeugen. Alles ist steif, es läuft holperig, irgendwo steht immer jemand abwartend und ohne Plan im Weg und ich denke jedes Mal erschreckt: "Oh, da müssen wir aber noch viel arbeiten!" Das muss ich jetzt auch bei meinem Stück. Da gibt es viele Puppenwechsel, ich habe mal Klappmaul-, mal Handpuppen, spiele selber mit und wechsel die Orte. Das muss alles erstmal koordiniert werden, damit es irgendwann flüssig ablaufen kann.

Zum Glück sind es noch drei Monate bis zur Premiere. Und - was auch ein ausgesprochen großes Glück ist - ich habe viel Spaß beim Spielen mit den Puppen und ich will ein gutes Stück machen. Schlecht wäre es, wenn ich den jetzigen Spielstand schon "ganz OK" finden würde. Dass mein Sohn, nachdem er meinen holperigen Durchlauf aufmerksam begutachtet hat, unmittelbar danach erschöpft ins Bett fällt und mehrere Tage lang richtig krank ist, versuche ich nicht in Zusammenhang mit meinem Stück zu sehen. Er war vorher schon blass.

          
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