Blog 460 - 19.02.2017 - Puppen-Vorbereitung und Wise Guys-Abschied

Es geht zügig weiter. Die Aufführungstermine sind raus und werden im nächsten örtlichen Veranstaltungskalender veröffentlicht. Inzwischen probe ich immer schon mal einzelne Szenen frei in der Luft, um ein Gefühl für die Puppen, ihre Bewegungen und meine körperlichen Grenzen zu bekommen. Körperliche Grenzen heißen in dem Fall Armlängen und natürliche Drehfähigkeit meiner Gelenke. Dass es nicht möglich ist, mit der einen Puppe eine doppelte Pirouette zu drehen, während die andere zur Seite abgeht, ist klar. Schlauerweise habe ich so was gar nicht erst vor. Aber natürlich gibt es Szenen, bei denen ich austüfteln muss, wie das zu machen wäre. Und auch wenn ich meine Zeit lieber vorwiegend mit Bauen verbringen möchte, merke ich, dass ich unbedingt den Text lernen muss, um beim Proben nicht ständig nach unten ins Spielbuch gucken zu müssen.

Neben einem kleinen Bühnenmodell aus Pappe, an dem ich ausprobiere, wie lang, breit und hoch meine Kulissen werden müssen, baue ich auch eine ganze Welt, die zwar 3D, aber nicht virtuell ist. Es ist ein Globus. Der ist in den Umrissen der Kontinente nicht wirklich exakt, Columbus wäre über meine Version aber schon hocherfreut gewesen.

In der Kostümabteilung der Puppentruppe geht es an die Kleidung. Das ist nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören, denn die Gewandmeisterin - die ich selber bin - ist am halblauten Klagen und sehr lauten Jubeln zu erkennen. Ich jammer vor mich hin, wenn die zum dritten Mal genähte Naht schon wieder aufgemacht werden muss, wenn es nach zu weit und zu schräg jetzt zu eng ist, wenn die Nadel runtergefallen und unauffindbar ist und wenn die Schere unter den Stoffresten verschwunden ist und nach langem Wühlen dann doch nebenan auf der Ablage liegt. Aber ich jubel auch freudig auf und tanze mit einer Puppe durch den Raum, wenn das Ergebnis dann endlich gut aussieht.

Genau so wie ich beim Schnitzen einfach anfange, nach Gefühl wegschneide und gucke, was rauskommt, so nähe ich auch. Ein grobes Schnittmuster abschätzen, den Stoff ungefähr so ausschneiden und irgendwie aneinander nähen. Wenn ich Glück habe, passt es sofort. Meistens nicht. Trotzdem bin ich immer wieder erstaunt, was ich mit etwas Gepfusche hinbekomme. Allerdings dauert es ziemlich lang, bis so ein Mini-Kostüm fertig ist. Eine geübte Schneiderin würde wohl höchstens eine Stunde benötigen, ich, als ungeübte und drauflos arbeitende Gewandmeisterin, muss je nach modischem Aufwand etwa einen Tag einrechnen. Einen halben davon trenne ich auf. Ach, vermutlich geht es ab dem zehnten Puppenkostüm ganz fix.

Am Wochenende fahre ich ins Sauerland, wo die Wise Guys in Fröndenberg ein Konzert geben. 1985 haben sie dort ihr erstes Konzert außerhalb von Köln gegeben. Vor zwölf Jahren war ich dort auf ihrem letzten Konzert, denn ab der Zeit traten sie nur noch in größeren Sälen auf. Vor zwei Jahren kamen sie im Rahmen ihrer Kirchentour dann doch noch zu einem allerletzten Konzert in eine Fröndenberger Kirche. Jetzt machen sie ihre Abschiedstour und geben am Freitag das aller-allerletzte Konzert und am Samstag das aller-aller-allerletzte. Vermutlich wird bis zum Sommer nicht noch ein nun-wirklich-aller-aller-allerletztes nachgeschoben, darum ist es tatsächlich der Abschied. 

Ich lasse mich besonders mitziehen von den vielen älteren Liedern, die ich einzeln an Zeiten und Begebenheiten knüpfen kann, versinke in Balladen und erfasse im zweiten Konzertteil plötzlich, dass all das, was mir so völlig vertraut ist und vor zehn Jahren zum Mittelpunkt meines Lebens gehörte, demnächst vorbei sein wird. Es ist nicht vorstellbar. Keine Wise Guys mehr? Ich kenne doch jede kleine Bewegung von Sari, Dän und Eddi, habe ihre Stimmen seit fast 20 Jahren im Ohr. Auch Nils ist mir sehr vertraut, und Björn, "der Neue", schmiegt sich so perfekt ein, dass er kein Femdkörper ist.

Plötzlich bin ich ganz wehmütig und versuche sentimental lächelnd alles auf der Bühne nochmal intensiv aufzunehmen, um es zu behalten. Klappt aber nicht, denn ich merke, dass es sowieso schon fest in mir drin ist. Aber es zwischendurch mal live sehen zu können, wird mir fehlen. Es ist ein sehr schönes Konzert, das mich lächelnd, gut gelaunt und auch traurig zurücklässt. Aber alles hat seine Zeit. Und Schlußpunkte sind immer der Beginn von etwas Neuem.

        
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