Blog 447 - 20.11.2016 - Näharbeiten und ein knapp bekleideter Prinz

Meine Hirnzellen scheinen am Morgen nur darauf zu warten, dass ich die Augen aufmache und hauen dann sofort ihre über Nacht überlegten Ideen raus. Mal ist es ein neuer, lustiger Satz für das Stück, mal geht es um das Nähen einer kniffeligen Stelle oder um die Lösung eines Bauproblems. Am Abend streiche ich eine kleine Szene im Spielbuch und finde es schade, dass damit auch eine lustige Situation wegfällt, am Morgen weiß ich beim Augenaufmachen, welche andere Figur die Sätze stattdessen sagen wird. Dass ich ohne eigenes Zutun so viel nachdenken kann, ist schon erstaunlich.

Es ist eine spannende Zeit, die ich sehr genieße. Einerseits wird das Froschstück immer konkreter, andererseits ist noch alles offen und es kann jederzeit in eine neue Richtung gehen. Noch muss ich keine Texte lernen, nicht an vertrackten Szenen herumproben, nicht zweifeln, ob die Stelle, die ich bis dahin für lustig hielt, wirklich lustig ist. Alles ist freudige Vorbereitung. Auch meine fünf Prinzen wachsen und werden lebendig. Auf der Bühne werden sie später nur einzeln zu sehen sein, aber ich vermute, dass sie backstage immer als Gruppe herumhängen und ständig zur Ruhe ermahnt werden müssen.

Neben dem langwierigen Nähen von Fingern, Armen und Hälsen, das ich täglich mindestens drei Stunden lang durchziehe, sitze ich an einem Vormittag erneut über dem Spielbuch und schreibe doch nochmal einige kleine Stellen um. Der Anfang wird komplett geändert und die Erzählerin, die ich dort bewusst nicht haben wollte, wieder eingesetzt. Der vorherige Anfang war machbar und in Ordnung, aber jetzt ist der Zuschauer schneller in der Geschichte drin und das macht es geschmeidiger. 

Auch wenn ich in dieser Woche kurzfristig eine Freundin im 70 km entfernten Aachen besuche, zuhause mit dem letzten Rest Acrylfarbe aus der Dose eine Holzverkleidung streiche und an einem Abend zu schönen, bunten Gesprächen beim Abendessen eingeladen bin, bei denen sogar mein Prinz aus dem Inszenierungskurs dabei ist, bleibt das Froschstück immer im Kopf. So muss es sein.

An einem der Prinzen macht das Nähen besonders viel Spaß. Er wird später nur knapp bekleidet im Stück auftreten, weswegen er besonders sorgfältig genäht werden muss. Es ist verblüffend, wie lebendig er wirkt. Auf die Szene, in der er dabei ist, freue ich mich jetzt schon sehr.

In der Wohnung fliegen immer noch kleine Schaumstoffschnipsel herum, es riecht nach Pattex, auf dem Wohnzimmertisch liegen Fleecestoff und Nähzeug, unter dem Wohnzimmertisch kleine Stoffreste. So wird es noch einige Wochen weitergehen. Zehn Klappmaulpuppen brauche ich für das Stück, was angesichts meiner nur zwei Spiel-Arme etwas verwunderlich scheint, aber so im Spielbuch steht. Und was ich mir ins Spielbuch geschrieben habe, muss ich ja so machen. Zumindest bis mir auffällt, dass ich es doch anders haben möchte.


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