Blog 443 - 23.10.2016 - Plan A, Rainald, Bodo und das Spielbuch

Plan A (Puppen für das Stück bauen) steht felsenfest ganz oben auf der Liste, sozusagen einbetoniert, da drängelt sich unerwartet Plan B rein (Zimmertüren streichen). Es ist nicht meine Idee, aber ich weiß schon, warum ich seit Monaten jeden kritischen Blick auf die Türen vermeide. Kaum sind die Türen gestrichen, fällt mir auf, wie abgenutzt die Tapete daneben jetzt aussieht. Also folgt spontan Plan C (Wände im Flur und in der Küche streichen), der so gar nicht auf meiner Liste stand. Während ich über meinem Kopf mit der Farbrolle werkel, um die Decke zu streichen, finde ich allerdings, dass das der Körperhaltung beim Puppenspielen an einer Leiste entspricht. Also gut, immer alles positiv sehen. Ich hänge zwar beim Puppenbauen hinterher, mache stattdessen aber gerade intensives Muskeltraining fürs Spielen. Würde ich zwei Augen auf die Rolle setzen, könnte ich es sogar als Objekttheater durchgehen lassen.

Als die Wände gestrichen sind, verschiebe ich das Streichen des Treppengeländers auf die nächste Woche und starte ins Show-Wochenende. Das hat drei Programmpunkte. Zuerst gehe ich in die Kölner Comedia, wo Gayle Tufts zusammen mit Marian Lux ihr neues Programm "Superwoman" spielt. Wie immer ist Gayle absolutely amerikanisch mit typischen Showposen, und dazwischen so wunderbar natürlich und herzlich, dass sich das Publikum wie privat von ihr eingeladen fühlt. Ich habe gerade viel renoviert und finde den Begriff "Superwoman" auch für mich durchaus naheliegend. 

Gayle und ich haben uns bei "Cover me", dem legendären jährlichen Konzertabend mit Dirk Bach kennengelernt, und wenn wir uns jetzt begegnen und ansehen, ist immer sofort Dirk da. Ohne Worte. Wir gucken uns an, und er ist da. Das ist berührend und traurig und auch sehr schön.

Kurzfristig ergibt sich für den nächsten Tag die Gelegenheit, dass ich zu meinem Bau-, Spiel- und Inszenierungsdozenten Bodo Schulte fahre und ihm mein Stück vorstelle. Er hat gerade einiges in seiner Werkstatt zu tun, und wir planen, dass er vor sich hin werkelt, während ich ihm das Spielbuch komplett vorlese. Für mich ist das großartig, denn ich weiß, dass er Fehler und Ungereimtheiten sofort erkennt und klar benennen kann. Er kennt den kleinen Ausschnitt aus dem Inszenierungskurs im April, und jetzt zeige ich ihm, was ich daraus entwickelt habe. Wenn er das Spielbuch mit mir durchgeht, ehe ich mit dem Proben beginne, ist das das Beste, was mir passieren kann. Dennoch ist es eine empfindliche Sache.

Ich glaube, dass das Stück funktioniert und nicht völlig falsch ist, aber es kann natürlich sein, dass Bodo das anders sieht. Wenn er mein Werk kritisiert und vielleicht zerpflückt, finde ich das natürlich gar nicht schön. Trotzdem bin ich nicht nervös, als ich mit dem Lesen beginne. Ich vertraue ihm und seinem guten Blick für Inszenierungen und habe außerdem das sichere Gefühl, dass er selbst bei unangenehmer Kritik nicht mein Gegner ist, sondern auf meiner Seite steht. Er möchte, dass das Ergebnis gut wird, und da haben wir dasselbe Ziel. Für mich ist es das erste Puppenstück, und falls er ganze Akte oder die komplette Geschichte für falsch hält, werde ich eben nochmal neu anfangen.

Natürlich findet er sofort Stellen, bei denen er gleich nachhakt. "Wo kommt denn die Frau jetzt plötzlich her?" "Äh, ... die kommt da einfach." "Warum?" "Äh, ... geht vielleicht spazieren." "Das solltest du näher erklären, sonst frag ich mich, warum sie plötzlich da ist." Es ist immer wieder erstaunlich, dass er so zielsicher auf eine Stelle zeigt, die mir bis dahin gar nicht aufgefallen ist, bei der ich aber sofort weiß, was er meint und dass er Recht hat.

Seltsamerweise freue ich mich über jede seiner gezielten Fragen und jede Notiz, die ich an den Rand schreibe, weil ich merke, dass das Bearbeiten dieser Stellen das Stück verbessern wird. Es tut nicht mal weh, ich denke sogar oft: "Das hätte ich ja selber merken können!" Bodo hat mir so viel Erfahrung voraus, dass ich das einfach anerkenne und mich riesig freue, seine Hilfe zu haben. Am allerbesten ist, dass es am Ende alles nur recht kleine Änderungen und Hinweise sind, manchmal nur das Streichen einer überflüssigen Information. Außerdem entstehen einige schöne kleine Ideen. Ich werde nochmal am Buch arbeiten, aber ich weiß, dass das Grundkonzept lächelnd abgenickt wurde und funktionieren wird. Was mir das für eine Motivation gibt! Ich habe das Gefühl, einen großen, sicheren Schritt auf dem Weg zur Premiere weitergekommen zu sein. 

Von Bodo geht es sofort in die Kölner Philharmonie zur Premiere von Rainald Grebes "Elfenbeinkonzert". Ich habe einen Platz ungewöhnlich weit vorne bekommen, denke zunächst, das ist mir zu nah, weil er aber etwas seitlich liegt, finde ich ihn dann doch gut. Rainald Grebe finde ich sowieso klasse.

Vor einigen Jahren habe ich ihm, dem studierten Puppenspieler, erzählt, dass ich früher auch gerne Puppenspielerin werden wollte. Damals dachte ich, dass das wohl nicht mehr klappen würde, aber ausgelöst durch die Gespräche mit ihm, stand das Puppenspielen plötzlich wieder im Raum. Kurz danach traf ich Martin Reinl und der glimmende Funke brannte los. Inzwischen sind nur wenige Jahre vergangen, und jetzt singt vor mir Rainald, durch den es begann, und ich komme tatsächlich gerade vom Besprechen meines ersten Spielbuches mit Bodo, der mir für das Bauen, Spielen und Inszenieren eine sichere Grundlage gegeben hat. Es ist ein Zufall, dass beides am selben Tag stattfindet, aber als es mir auffällt, bin ich so gerührt, dass ich lächel und feuchte Augen bekomme. Und das liegt nicht an Rainalds Lied, sondern am Glück.

In der Philharmonie treffe ich viele Leute, die ich schon länger nicht mehr gesehen habe. Wie schön, ich freue mich! Der Abend klingt dann auch gemeinsam und erst deutlich später aus. Und die ganze Zeit über fühle ich ein inneres Strahlen, weil mein Spielbuch bestanden hat, weil ich mich aufs Bauen und Proben freue und weil ich mich so gut unterstützt fühle.  

 
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