Blog 442 - 16.10.2016 - Abhaken und Doppeltermine

Im Heimatort wird bei Szene 93 die "Grönholm-Methode" gespielt. Viel Text, spannend, und mir fällt plötzlich auf, dass die vier Schauspieler Stephan, Stephanie, Sascha, Volker und der Regisseur Daniel vor einigen Jahren alle auch beim Shakespearestück dabei waren, bei dem ich Co-Regie gemacht habe. Volker und Stephan waren zwei Piraten im Piratenstück und Daniel mein Drachenpfleger im Drachenstück, in dem Volker wiederum der Minister war. Kein Wunder, dass sie mir alle so sehr vertraut vorkommen, wenn sie vor mir auf der Bühne stehen.

Am nächsten Morgen gilt meine umzugsbedingte Arbeitspause als beendet und es geht mit dem Froschstück weiter. Endlich! Es ist immer wieder erstaunlich, wie ich plötzlich als strenge Chefin auftrete und alle Verlagsmitarbeiter sofort spuren. Ich verlange, dass ab jetzt jeden Tag mindestens drei Stunden in irgendeiner Form dafür gearbeitet werden muss. Mehr als drei Stunden ist gerne gesehen, weniger nur in Ausnahmefällen erlaubt. Da muss es dann schon eine plausible Entschuldigung geben, die mich selber überzeugt. Damit ich das aktive Arbeiten im Blick behalte, gibt es ein Formblatt, auf dem ich jede absolvierte Arbeitsstunde abhaken kann. Ich kann echt streng sein.

Sofort arbeite ich vorbildlich los und versuche nicht mal, mich irgendwie zu betrügen. Ich könnte ja, wenn ich gerade nicht genau hinsehe, schnell ein leeres Kästchen abhaken und dann unschuldig gucken. Aber ich habe das Gefühl, dass diese Idee irgendwo einen weiteren Haken hat. Vermutlich den, dass dann die Liste irgendwann abgehakt, aber nichts geschafft ist. Außerdem WILL ich ja arbeiten und habe gar kein Interesse, mich duchzupfuschen.

Zuerst überarbeite ich erneut das Spielbuch. Es gibt ein paar neue kleine Ideen, ich ändere an einigen Stellen und merke, wie sich die Bühnenfassung immer geschmeidiger zusammenfügt. Danach gehe ich sofort an den Figurenbau. Den ersten Froschkopf habe ich schnell fertig, aber kaum ist er mit Stoff überzogen, bin ich der Meinung, dass er doch anders aussehen soll. Schmaler, zerbrechlicher. Macht aber nichts. Momentan habe ich noch die Zeit, auch mal Sackgassen zu gehen, umzukehren und einen anderen Weg zu wählen. Da ich einige Puppen mehrfach brauche, muss ich abwägen, ob ich sie möglichst ähnlich schnitze oder ein Schnittmuster anfertige, nach dem ich sie dann recht schnell mehrfach bauen kann. Ähnlich aussehend zu schnitzen ist etwas schwieriger, macht mir aber mehr Spaß. Mal sehen, für was ich mich entscheide. Vielleicht probier ich beides mal aus.

Kaum bin ich drin und hake zufrieden die ersten Zeitkästchen ab, tritt ein entschuldigter Ausnahmefall ein und ich wechsel zur Weihnachtskarte. Die ist für den Verein wünsch-dir-was, und den Text für eine kleine Geschichte habe ich schon vor drei Wochen während der Wartezeit im 3sat-Zelt geschrieben. Jetzt erfahre ich, wie viel Platz dafür zur Verfügung steht, überarbeite den Text noch einmal und mache vier kleine Illustrationen. Das dauert doppelt so lang wie geplant, denn als die Illustrationen fast fertig sind, möchte ich sie lieber anders haben und fange nochmal an. Es ist die richtige Entscheidung, denke ich, als ich sie dann zusammen mit dem Text per Mail verschicke. Danach kann ich die Weihnachtskarte abhaken. Nicht auf der Froschstück-Liste, aber im Kopf. Ich bin gespannt, wie sie gedruckt aussehen wird.

Terminlich gibt es ein Raum- und Zeitproblem, denn ich werde für zwei verschiedene Einsätze als Puppenspielerin angefragt, die am gleichen Tag, aber bei verschiedenen Produktionen geplant sind. Bei beiden ist es nur ein kleiner Job mit Playback, unsichtbar hinter einer Leiste, bei beiden geht es um eine Fernsehaufzeichnung. Die eine ist kürzer und macht mehr Spaß, die andere dauert länger und hat aus verschiedenen Gründen durchaus spannende Aspekte. Den Satz: "Oh, da habe ich schon die Anfrage einer anderen Produktion!" empfinde ich allerdings als Luxusproblem. Läuft doch alles prima. 

 
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