Blog 437 - 11.09.2016 - Warntöne im Auto und eine grazile Frau aus Stein

Die neue Wohnung des Sohnes ist mehr als 500 Kilometer entfernt. Wir haben einen Termin zur Schlüsselübergabe, da geht einen Tag vor der Abfahrt das Auto kaputt. Spontan bekommen wir ein anderes Auto geliehen, das groß genug ist, um auch noch einige Kisten und Möbelteile mitzunehmen. Alles klappt prima. Wir fahren gemütlich nach Chemnitz, bekommen die Schlüssel, packen Kisten aus, besorgen Waschmaschine, Lampen und einige Kleinteile und sehen unerwartet viel von der Stadt, weil es wegen der vielen Straßenbaustellen ständig Umleitungen gibt.

Wir machen keinen Stress, und es bleibt sogar Zeit, einen Spaziergang über den schönen Friedhof ganz in der Nähe zu machen. Ich mag alte Friedhöfe mit ihren wunderbar stimmungsvollen Szenenbildern.

Dort gibt es auch den "Ehrenhain der Sozialisten", ein großes, imposantes Betonrund. Ein meterlanger, in Stein gemeißelter Spruch von Karl Marx schmückt die Anlage, ist allerdings schwer zu lesen, weil einige Buchstaben inzwischen von Pflanzen überrankt sind. An den Betonwänden gibt es viele Gedenktafeln mit Namen antifaschistischer Widerstandskämpfer. Sie beginnen im Jahr 1933, aber etwa ab der Hälfte der Anlage bleiben die Wände leer. Bei genauerem Hinsehen hat es eine tragische Komponente, denn die Namenstafeln enden im Jahr 1989. Somit ist der Ehrenhain nicht nur eine Gedenkstätte für die antifaschistischen Widerstandskämpfer bis 1989, sondern auch ein Sinnbild für die drastische Werte-Änderung nach der Wende.

Nach vier Tagen in Chemnitz machen wir uns auf den Rückweg. Während der Fahrt bekommt das geliehene Auto plötzlich Probleme. Seit ich vor einigen Jahren mal ein Auto mit Kühlwasserproblemen hatte, mag ich es sowas von überhaupt nicht, wenn während der Fahrt eine Warnleuchte angeht. Gibt es sogar einen Warnpiepser, zucke ich erschrocken zusammen. Ich bekomme das volle Programm. Während ich fahre, blinken innerhalb kurzer Zeit immer mehr Warnleuchten auf, Warntöne piepsen abwechselnd und gleichzeitig, und nach wenigen Minuten, in denen nach und nach alle Funktionen ausfallen, rollt das Auto still auf dem Randstreifen der Autobahn aus. Multiples Organversagen. 

Vermutlich ist meine Abneigung gegen einzelne Warnleuchten und -töne jetzt beseitigt, denn schlimmer geht's nicht mehr und ab jetzt kann ich es lässig sehen. Für uns heißt es aber auch: Wir sind 230 Kilometer vom Ziel entfernt, Abschleppwagen, Telefonate, Werkstatt, Taxi, Mietwagen, Staus. Elf Stunden nach der Abfahrt sind wir zuhause, das geliehene Auto bleibt in der Werkstatt zurück. 

Am nächsten Tag fahren wir die 230 km zurück, um den Mietwagen zurückzubringen und das reparierte Auto abzuholen. Wir nehmen uns extra eine Stunde Zeit, um uns die schöne historische Innenstadt von Alsfeld anzusehen, die uns der Fahrer des Abschleppwagens während des Abschleppens empfohlen hatte. Das Burgrestaurant im Nachbarort, das uns der Taxifahrer auf der Fahrt zum Mietwagencenter wegen der tollen Cocktails zur Happy Hour empfohlen hatte, lassen wir aus. Vielleicht bei der nächsten Autopanne.

Am Abend sind wir endlich wieder zuhause und bringen noch das geliehene Auto zurück, am nächsten Morgen fahre ich zum Steinhaukurs in die Eifel. Den Kurs habe ich schon im letzten Jahr besucht, und er ist genau das, was ich nach den beiden letzten Tagen brauche. Zwei Tage im Freien sitzen und von einem großen Stein kleine Stückchen abklopfen, stundenlang gleichmäßiges, dumpfes Hämmern ringsherum hören und langsam einstauben. Zu erleben, wie aus einem Stein eine Figur wird, ist immer wieder schön. Geplant ist sie als weiblich und grazil. Mal sehen, was am Ende rauskommt.

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