Blog 424 - 12.06.2016 - Hartschaumaffe und Auftragsmörder

Fünf volle Tage Ferienfreizeit. Ich fahre nach Bochum ins Figurentheaterkolleg, wo Bodo Schulte einen Kurs mit dem geschmeidigen Titel "Köpfe und Figuren aus Hartschaummaterialien" gibt. Das heißt in etwa: Wie mache ich aus Dämm-Material stabile Bühnenfiguren. Zehn Kursteilnehmer wissen gar nicht oder nur ungefähr, wie das geht, der Kursleiter kennt sich aus. Er hat eine Kiste voller Musterbeispiele dabei, zeigt glänzend polierte Flächen, feine Holzmaserstrukturen, matte, sandige Beschichtungen und klopft mit filigranen Handpuppenköpfen fest auf den Holztisch, um ihre Stabilität zu zeigen.

Ich möchte vorwiegend das Kaschieren als Oberfächenbehandlung lernen, merke aber schnell, was für ein großer Bereich sich unerwartet öffnet. Die Möglichkeiten, die sich mit Hartschaum und der Nachbearbeitung bieten, sind mehr als vielfältig. Ob klein, groß, grob, glatt, wie Stein, wie Holz, einfarbig oder bunt, zerbrechlich oder steinhart - alles ist möglich. Ich bin fasziniert und denke, dass ich mit meinem schon angesammelten Bauwissen bei weichen Schaumstoffen und den neuen Erkenntnissen über den Hartschaum demnächst so ziemlich alles bauen kann, was ich will. Es gibt gar keine Grenzen mehr. 

Ich entscheide mich spontan für einen kleinen Affen, an dem ich besonders das kleinteilige Arbeiten lernen möchte. Es ist aber auch völlig egal, was ich an diesen fünf Tagen baue, denn ich halte Ohren und Augen offen und verstehe schnell, wie ich auch alles andere aus Hartschaum bauen und mit diversen Oberflächen überziehen könnte. Die Bandsäge knattert, die Cuttermesser ziehen mit leisem Rauschen dünne Schalen vom Material, Papier wird raschelnd gerissen - und langsam entstehen Köpfe und Figuren.

Bodo Schulte als kompetenter, gut gelaunter Dozent erklärt, hilft, zeigt und findet für jeden individuellen Wunsch eine Lösung. Das meditative Glücksgefühl, das er beim Kaschieren verspricht, bleibt allerdings aus, wenn das Kaschieren mit fitzelkleinen Papierchen an fitzelkleinen Affenfingerchen stattfindet. An kleinen Affenköpfen und -körpern ist es deutlich beruhigender.

Beim Arbeiten schneide ich mir dreimal heftig mit dem Cuttermesser in die Finger, zweimal davon an der rechten Hand, was zeigt, dass es aus reiner Blödheit passiert. Beim Schnitzen bin ich nämlich sehr vorsichtig, aber umso achtloser beim schnellen Griff nach dem Cutter oder in die Dose mit den scharfen Klingen. Den vierten Schnitt zähle ich nicht mit, weil er genau in den gerade verheilenden dritten geht. Als ich wegen einer anderen Sache in einer Apotheke bin und das Wechselgeld entgegen nehme, greift die Apothekerin nach dem Blick auf meine verpflasterten Finger lässig unter ihre Theke und reicht mir mit einem freundlichen, seriösen: "Noch einige Pflaster für die Handtasche?" ein kleines Pflaster-Werbepäckchen. Ich lache noch fröhlich, als ich schon auf der Straße bin.   

Am Ende der Woche sind erstaunliche und tolle Sachen entstanden. Ich freue mich sehr über meinen kleinen, federleichten und doch beinahe unzerbrechlichen Affen, der einen Platz in meinem Arbeitszimmer bekommen und mir beim Bauen, Schreiben und Zeichnen zusehen wird. Voll mit Energie, guter Laune und einem grenzenlosen "Alles ist möglich", komme ich zurück. 

Gleich am nächsten Tag fahre ich wieder los, um mir in Menden "I Hired a Contract Killer" im Theater Scaramouche anzusehen. Es geht um einen lebensmüden Mann, der einen anonymen Auftragskiller bezahlt, um umgebracht zu werden. Als er es sich anders überlegt, hat er ein Problem. Den Film von Aki Kaurismäki mag ich sehr. Er hat sehr sorgsam gestaltete Szenenbilder, jede Farbe stimmt, und er ist ein großartiges Beispiel für das "Bilder finden" in Inszenierungen, denn fast alles ist sofort beim Ansehen zu verstehen. Es gibt viel Ruhe, nur sehr wenige Dialoge und - im Gegensatz zu Stummfilmen - nicht mal eine ausgeprägte Mimik. Als Theaterstück kann ich mir das nicht vorstellen und bin sehr gespannt, wie es umgesetzt wird. 

Das Theater Scaramouche gefällt mir sofort. Es ist ein ehrenamtlicher Verein, der eine Gruppe tatkräftiger Mitglieder hat, vorwiegend Eigenproduktionen macht und viele Möglichkeiten zum Mitmachen bietet. Das ist genau so wie bei mir die Szene 93. Nur der Theaterraum in Menden, unter dem Hallenbad, ist mit bis zu 100 Plätzen deutlich größer als der in Erftstadt. Ich werde herzlich, locker und offen empfangen und fühle mich gleich wohl und vertraut. Der einzige Unterschied ist, dass ich diesmal Besucherin bin und sonst im Theater selber mitspiele oder Getränke ausgebe und die Zuschauer freundlich empfange.

Die Inszenierung gefällt mir sehr gut und ist schnell und kurzweilig. Das Farbkonzept ist klasse, eine kleine Projektion mit schwarz-weißen Illustrationen ergänzt die Szenen perfekt, das sparsame Bühnenbild wird mit wenigen Handgriffen passend zu neuen Szenen gestellt, was ich immer sehr liebe, die Musik finde ich genau richtig und der skurrile Humor des Stücks ist da. Es gibt viele Bilder und wenige Dialoge, allerdings sind mir die eingebauten Kommentare noch zu viel, das hätte ich anders gelöst. Insgesamt aber ein lohnender Abend mit einer ungewöhnlichen, ideenreichen Inszenierung. Was für ein schöner Abschluss der Hartschaumschnitz-Affenkaschier-Woche!

 

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