Blog 421 - 22.05.2016 - Wise Guys und die Zeit

Die drei Pfingsttage verbringe ich mit den Wise Guys. Das hört sich exklusiver an als es ist, denn sie merken es nicht mal. Für ein geplantes Projekt werde ich gebeten, einige Minuten von verschiedenen Videos rauszusuchen, was bei der Menge des vorhandenen Materials nicht einfach ist. Besonders die früheren Aufnahmen finde ich spannend, aber auch Proben, die Entwicklung einzelner Lieder und einige Konzertausschnitte sind reizvoll.

Ich tauche also wieder in alte Zeiten und sitze fasziniert vor dem Rechner. Mit dem Wissen, dass die Wise Guys im nächsten Sommer aufhören werden, ist es ein seltsames Gefühl, die alten Videos anzusehen, bei denen alles noch am Anfang stand und an ein Ende nicht zu denken war. Auf den Videos höre ich sie bei Proben und bei Konzertaufnahmen Lieder singen, die seit vielen Jahren nicht mehr im Programm sind. "Ach ja!", denke ich freudig, lächel liebevoll und denke: "Wie hieß das noch mal?" Dann singe ich das Lied halblaut, schnell und mit viel "Lalala" durch, um mich, beim Refrain angekommen, an den Titel zu erinnern. Als ich schon mehr Videomaterial herausgesucht habe als gebraucht wird, breche ich einfach ab. Vermutlich könnte ich noch tagelang weiter durchsehen und immer wieder etwas Interessantes finden. 

Leider zeigt der technische Fortschritt seine Nachteile. Die vor fünfzehn Jahren aufgenommenen Videokassetten lassen sich mit heutigen Kameras nicht mehr abspielen. Was damals Stand der Technik war, wirkt heute wie aus dem letzten Jahrhundert - was es ja auch fast ist. Unsere beiden letzten Kameras, mit denen wir überhaupt noch dieses Videoformat ansehen und auf einen Rechner überspielen können, sind auch schon fünfzehn Jahre alt und zeigen erste Ausfälle. Och, neee! Bedeutet das, dass ich jetzt alle Videos aus dem Archiv auf Festplatten überspielen muss, weil sie ansonsten irgendwann nicht mehr zu verwenden sind?

Ja, das bedeutet es. Ich überlege gar nicht erst, wie viel Arbeit das sein wird, sondern stelle Rechner, Kamera und Festplatte auf den Küchentisch und fange einfach an. Im Regal stehen 27 Kisten voll mit Videokassetten. Das wird Wochen dauern, wenn ich die täglich nebenher durchlaufen lasse. Vermutlich Monate. Ich sehe allerdings jetzt schon voraus, dass auch das Speichermedium Festplatte in absehbarer Zeit völlig veraltet ist. Vielleicht genau dann, wenn ich alles überspielt habe.

Weil ich so mitten in der früheren Wise Guys Zeit stecke und gerade stundenlang Videos von ihnen laufen, passt es perfekt, dass ich zu einem Wise Guys Konzert fahre. In Trier wohnt mein Sohn, so dass es sich doppelt lohnt. Vor dem Konzert gehe ich mit ihm total leckeres Sushi essen. Dass die Bedienung mich für die Schwester meines Sohnes hält, bestärkt mich in dem Gefühl, in einem außerordentlich guten Sushi-Restaurant zu sein.

Am späten Nachmittag fahre ich zur Konzerthalle und bin beim Soundcheck der Wise Guys. Erst beim dritten angesungenen Lied fällt mir auf, dass mir Björn, der neue Bass, akustisch nicht auffällt - im positivsten Sinne. Er ist einfach da, singt warm, sauber und zuverlässig, als würde er das schon jahrelang mit den Wise Guys machen. Er passt nahtlos rein und verstärkt den gemeinsamen Klang, ohne ein Fremdkörper zu sein. Wie toll!

Da ich vor Konzertbeginn noch eine knappe Stunde Zeit habe, setze ich mich sofort wieder in ein Café und schreibe am Puppenstück. Interessanterweise kann ich im Kopf sofort umschalten und mich völlig auf den Frosch konzentrieren. Wegen des neuen Anfangs muss ich mir jetzt überlegen, wie ich in anderen Szenen darauf reagiere, aber die Lösungen kommen. Ich stelle aber auch fest, dass mit den neuen Ideen auch die Liste der Puppen, die ich für das Stück bauen muss, immer länger wird. Wenn ich in diesem Jahr noch aufführen möchte, wird das eine Menge Arbeit werden. Aber ich such mir ja grundsätzlich nicht die schnellsten und einfachsten Wege aus.

Das Wise Guys Konzert am Abend ist klasse und ich freue mich, dass ich dabei bin. Ohne Anlaufschwierigkeiten werde ich sofort zum zufrieden nickenden Björn-Fan, weil er souverän den Basspart übernimmt, sehr sympathisch ist und dazu auch noch eine wunderbare Sprechstimme hat. Die Stimmung im Saal ist toll, es gibt einige Oldies zu hören, die mich sowieso immer sehr berühren, und ich habe einfach Spaß. Es sieht schwer danach aus, dass ich die nächste Woche mit einem Bericht über das Wise Guys Konzert beginne. Ich hab ja sonst nicht viel zu tun.

 

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