Blog 419 - 08.05.2016 - Kräuter, Avenue Q. und drei Schweine

"Hier kommen die alten Stauden raus und ich bau mir einen Kräutergarten", denke ich kurz, hole die große Spitzhacke und verwüste die Landschaft. Weil ich in der letzten Woche viele Stunden ruhig sitzend und nähend in der Werkstatt verbracht habe, will ich mich in dieser mal wieder richtig bewegen. Was liegt da näher, als wild in die Erde zu hacken und einen Kräutergarten zu bauen? Kräuter habe ich zwar schon weiter oben im Garten, aber manchmal habe ich während des Kochens keine Lust die halbe Minute bis dorthin zu gehen. Oder vielmehr Sorge, dass mir das Essen anbrennt, weil ich auf dem Weg durch den Garten hier gucke und da gucke, den Vögeln zuhöre und mich vielleicht sogar mal hinsetze und alles vergesse.

Bewegungsintensiv entferne ich hartnäckige Wurzeln und Stauden, entdecke unter Pflanzen und Erde einen breiten Mauerrand, von dem ich nichts ahnte, und falle abends mit Muskelkater und einem stöhnenden: "Mir tut echt alles weh!" glücklich ins Bett. Damit das Gießwasser auf dem schrägen Gelände nicht sofort abläuft, baue ich kleine Terrassen, setze Kräuter ein und schleppe einen Kubikmeter übrig gebliebene Erde mühsam in Eimern nach oben in den Garten. Die Katze liegt währenddessen auf dem bei der Grabung entdeckten Mauerrand, ihrem neuen Lieblingsplatz, und guckt mir träge zu. Aber hurra! Jetzt bin ich komplett durchbewegt, spüre die meisten Muskelstränge einzeln, habe einen Kräutergarten und würde mich am liebsten sofort wieder hinsetzen und an einer Puppe bauen.

Meine Terminplanung sagt aber anderes, denn sie schickt mich nach Hagen, wo das Musical "Avenue Q." gespielt wird. Das habe ich schon zweimal in London und einmal in Mannheim gesehen, und ich mag das Stück und die Kombination von Puppen und Schauspielern. Aber nun merke ich, dass meine persönliche Puppenspieler-Ausbildung Nachteile hat: Ich sehe, wenn die Puppen zu schräg gehalten werden, wenn sie wild klappern und starr gucken. Die Schauspieler singen und bewegen sich klasse, spielen mit viel Energie, aber sie verschmelzen nicht so mit den Puppen, wie ich es gerne hätte. Sie spielen ihre Rollen und haben dabei Puppen auf dem Arm, die sie mitspielen lassen. Geht, aber sie könnten auch komplett ohne Puppen spielen, dann würde es ebenso funktionieren. Dass ich oft lieber auf das Gesicht des aktiven Schauspielers als auf die emotionsärmere Puppe gucke, sagt alles,

Dass die Hauptdarsteller-Puppe in der Hagener Inszenierung auf der Bühne erst auf die Hand genommen wird und am Ende alle Puppen sichtbar in einen Schrank zurückgelegt werden und nur die menschlichen Spieler bleiben, mag ich auch nicht. Das degradiert sie meinem Gefühl nach zu Requisiten. Dabei sind die Puppen doch die Hauptdarsteller! Ja, es ist meckern auf hohem Niveau, aber es ist wirklich bedauerlich, dass ich es nicht mehr einfach nur genießen kann. Jetzt habe ich mich aufwändig im Bereich Puppenspiel weitergebildet, hätte ohne Bildung aber mehr Spaß an der Vorstellung. Das ist aber wirklich ein persönliches Problem. Im Hagener Theater gibt es viel Applaus vom begeisterten, nicht so verkopften Publikum.

Gleich am nächsten Tag gucke ich mir in Herne die "Drei Schweine" an. Es spielen Michael Hatzius und Dorothee Carls, und diesmal habe ich beim Zusehen großen Spaß. Alleine die Bewegungen der Schweine und ihre Blicke könnte ich stundenlang beobachten. Sehr klasse gespielt! Die vielen Erwachsenen in der Vorstellung lachen fast mehr als die Kinder, was ich immer für ein gutes Zeichen halte.

Als ich auf dem Nachhauseweg über die Vorstellung nachdenke und über viele schöne Ideen freudig lache, fällt mir allerdings auf, dass ich noch an der Inszenierung arbeiten würde. "Fallhöhe", "zentrale Frage" und das "Ziel" fallen mir sofort ein, weil ich die doch sehr vermisse. Nicht während des Stücks, da war ich fasziniert dabei, aber im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass toll gespielt, darunter aber die Geschichte und Dramaturgie etwas verwischt wurde. Boah, wie schlimm! Ich bin ja bald ein Bildungsopfer! Allerdings wäre mir das auch ohne die Inszenierungskurs-Theorie aufgefallen, ich hätte nur nicht namentlich benennen können, was ich meine. Dass die drei Schweine wunderbar ausgearbeitete Charaktere haben und jedes eine eigene Persönlichkeit ist, von der die offen spielenden Puppenspieler nicht ablenken können, habe ich auch bemerkt und das war großartig. 

Wär ja prima, wenn ich jetzt nicht nur kritisieren, sondern selber perfekt spielen und perfekt inszenieren könnte! Aber leider ist meine eigene Mängelliste noch so gewaltig lang, dass ich lieber meinen Mund halten sollte. Ein kritischer Blick hat aber auch Vorteile, denn ich sehe, was mir gut gefällt, was ich anders machen würde und in welche Richtung ich gehen möchte. Aus der Avenue Q-Inszenierung nehme ich die mitreißende, energiereiche Spielfreude mit und von den drei Schweinen die wunderbar sensible Puppenführung. Glänzende Augen und ein Lächeln habe ich beim Gucken ja sowieso. Wie schön, dass auch in dieser Woche die Puppen so präsent waren. Es scheint mein Puppenjahr zu werden. Die Kinderbuch-Piraten müssen ganz tapfer sein.

 

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