Blog 416 - 17.04.2016 - Bühnenfieber

Die zweite Inszenierungswoche im Bochumer Figurentheaterkolleg ist dran. So langsam kommen die spielfähigen Stücke zum Vorschein, die wir aus unseren Ausgangstexten erarbeitet haben. Da ich nur zwei Arme habe, werfe ich fast alle Personen aus dem Stück raus und reduziere die Geschichte auf Prinzessin, Frosch und Prinz. Jetzt muss ich nur noch überlegen, wie ich während des Spielens blitzschnell den Frosch gegen den Prinz austausche, wenn auf dem anderen Arm die Prinzessin sitzt. Rumspinnen, offen bleiben, nicht sofort einschränken mit "das geht ja nicht", verlangt der Dozent Bodo Schulte, und tatsächlich geht mehr, als ich anfangs denke.

Zwischen den Theorieblöcken und am Abend sitze ich in der Werkstatt, säge, schraube und bohre an einem Spieltisch und nähe meine Puppen. Auch wenn es in meinem Stück nur noch drei Hauptdarsteller gibt, treten Nebendarsteller auf. Viele Nebendarsteller. Dass sich in meinem Kopf jetzt ein Stück entwickelt und ich eine Stilrichtung im Spielen finde, die mir gefällt, finde ich großartig. Mit der Puppe im Spielkurs zu improvisieren oder sie mal kurz spontan zu spielen, ist eine Sache. Ein Stück ganz alleine auf einer Bühne zu spielen, eine ganz andere.

Das Arbeitstempo steigert sich an den letzten Tagen nochmal deutlich. Was? Nur noch zwei Tage bis zur Werkschau? Ich habe doch mein Stück noch gar nicht richtig geübt, weil wichtige Requisiten und der Aufbau nicht fertig sind. Soll ich jetzt üben oder bauen? An der Tafel hängt schon der Produktionsplan, auf dem die Zeiten für die Haupt- und die Generalprobe stehen. Der Dozent beruhigt die aufgedrehten Teilnehmer und erklärt es für normal, dass es am Ende immer knapp ist. Mir kommt es SEHR knapp vor.

In dieser Arbeitsatmosphäre wird noch mehr gelacht als sonst. Die Nerven sind angespannt, leichte Verzweiflungsanflüge werden von Euphorie oder Fassungslosigkeit abgelöst, aber alle bauen und proben mit Energie weiter. Auch wenn der Dozent betont, dass die Werkschau am Ende nur ein kleiner Teil des Seminars ist und es hauptsächlich um das Inszenieren und die Theorie geht, will natürlich jeder Teilnehmer ein schönes Stück zeigen, dem man die knappe Vorbereitungszeit nicht sofort ansieht.  

Am Tag vor der Aufführung spielen wir unsere kurzen Stücke vor, es wird Musik und Licht festgelegt und wer wo beim Umbau hilft. Die Teilnehmergruppe ist klasse. Es ist ein selbstverständliches Miteinander, jederzeit wird geholfen, es wird viel gelacht und niemand nervt oder zickt theatralisch herum, obwohl der gefühlte Druck und die Anspannung groß sind. Dass der Dozent Bodo Schulte großartig ist, muss ich vermutlich gar nicht mehr schreiben. Er ist mit viel Wissen, Energie und eigenem Interesse dabei, motiviert, fördert, lacht dröhnend und schafft es, auf sechs unterschiedliche Stücke und sechs unterschiedliche Teilnehmer individuell einzugehen.

Dann ist der Termin der Werkschau erreicht. Der Publikumsandrang ist eher mager, aber das ist völlig egal. Wir stürzen uns in die Aufführung und ich merke, dass ich auch bei allen anderen Vorführungen gespannt und emotional dabei bin und mich freue, dass es klappt. Es gibt keinen Funken von Konkurrenzdenken in der Gruppe, jeder hat ein eigenes "Werk" und freut sich auch über die anderen entstandenen Stücke. Wir sind als Gruppe erstaunlich vertraut geworden, auch wenn wir an unseren Sachen weitgehend alleine gearbeitet haben. Aber schon das gegenseitige Vorstellen der Stücke oder ersten Spielszenen, das ja auch immer einen Teil der Persönlichkeit zeigt, hat Nähe gebracht.

Bei meinem Froschstück komme ich gut durch und habe richtigen Spaß, auch wenn nicht alle Nebendarsteller im richtigen Augenblick griffbereit sind. Völlig egal. Die Zuschauer wissen ja nicht, dass da eigentlich noch der springende Frosch zu sehen sein soll. Auch spieltechnisch muss ich noch einiges erarbeiten, da sehe ich eine Menge Fehler, die mich stören - ganz abgesehen von denen, die das scharfe Dozentenauge sieht und die mir selber gar nicht auffallen. Aber mir geht es momentan nicht um das perfekte Spielen, sondern um die Erkenntnis, ob ich ein Stück spielen kann und das verstärkt weiter machen möchte oder lieber lasse.

Dramaturgisch gesehen würde ich jetzt sagen, dass die Zentrale Frage (wird sie weiter spielen wollen?) des Protagonisten (ich) nach dem Bewältigen verschiedenster antagonistischer Kräfte (mangelnde Zeit, fehlender Akkuschrauber, zu wenig Arme ... ) im dritten Akt beantwortet wird (Ja!). Kurz gesagt: Ich sehe eigenes Potential, ich habe Spaß am Spielen und ich weiß jetzt, wie ich ein komplettes Stück entwickeln kann. Wie sehr ich mich darüber freue, kann ich gar nicht beschreiben.

In der "WAZ Bochum" erscheint am selben Tag ein Bericht über das Figurentheater-Kolleg und den dreimonatigen Orientierungskurs für Puppenspieler, der gerade begonnen hat. Ich bin mit Prinzessin und Prinz im Bild und habe die Unterschrift: "Figurenbau ganz praktisch: Anette Dewitz ist eine der Teilnehmerinnen des Orientierungskurses".

Nicht nur, dass der Dozent beim Blick in die Zeitung grinsend anmerkt, es müsse "Anette Dewitz (Mitte)" heißen, es ist auch eine glatte Falschmeldung. Da die echten Teilnehmer des Orientierungskurses nach zwei Tagen noch keine sichtbaren Ergebnisse haben können, fällt der Fotograf überfallartig in den Werkraum ein und sucht ein Motiv. Ich baue an Puppen, arbeite an einem Stück, bin im Figurentheaterkolleg und sehe so aus, als könnte ich eine Ori-Teilnehmerin sein, darum passt es schon. Offiziell bin ich jetzt also drei Monate in Bochum und beginne mit der Ausbildung zur Figurenspielerin. Inoffiziell arbeite ich an der eigenen Ausbildung zur Puppenspielerin.

Die zwei Wochen Inszenierungskurs sind so schnell vorbei, dass ich gar nicht glauben kann, dass es wirklich zwei Wochen waren. Mit vollgepacktem Auto, großer Zufriedenheit, guter Laune und immer noch in schwarzer Bühnenkleidung fahre ich nach Hause und bin gerade rechtzeitig, um spontan beim Theaterfestival die Dernière von "Alle meine Söhne" zu sehen, in der einer meiner Söhne mitspielt.

Am Nachmittag gab es dort schon die Premiere von "Ronja Räubertochter", bei der meine Rumpelwichte mitspielen. Auf die werde ich am Abend mehrfach begeistert angesprochen. Sie scheinen ihre Sache gut zu machen. Was für ein Tag! Ich trete zum ersten Mal öffentlich mit einem eigenen Puppenstück auf, die Rumpelwichte haben Premiere und der Sohn steht auch auf der Bühne. Läuft.  

 

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