Blog 414 - 03.04.2016 - 17-Euro-Hofschneiderin und Koffer packen

Die Prinzessin braucht ein Kleid. Ein fertiges Kleid kostet als Baby-Taufkleidchen in der preiswerten Billigshop-Variante 11 Euro oder auch mal 20 und sieht mir zu perfekt aus. Och, nee, denke ich, und kaufe mir Stoff zum Selbernähen. Der Stoff kostet 17 Euro. Ich arbeite nach meiner üblichen Methode: Stoffstück an den zu bekleidenden Körper halten, abschneiden, was zu viel aussieht und hoffen, dass es später, wenn alles zusammengenäht ist, passt. Bei Design-Ideen wie "gekräuselte Puffärmel" überlege ich, wie die wohl am besten zu machen sind. Es ist ja egal, ob ich das vorschriftsmäßig wie eine gelernte Schneiderin oder völlig anders mache, wichtig ist, wie es am Ende aussieht.

Ich schneide, hefte grob zusammen und hole sogar meine Nähmaschine aus dem Keller, um schön saubere Nähte zu machen. Am Ende sieht die bekleidete Prinzessin zwar etwas breit und nach 10 Kilo mehr aus, aber das liegt nur zum Teil an meiner Couture-Kreation und hauptsächlich an ihrem plumpen Körper. Das Kleid sieht weitgehend aus, als hätte ich gewusst, was ich mache. Die nachträglich eingesetzten Stoffteile unter den Achseln, - weil es dort dann doch zu eng war - , wirken, als wären sie in einem etwas komplizierten Schnittmuster so geplant gewesen. Am Hals hinten ist es jetzt auch etwas knapp, weil der Ausschnitt erst zu weit war und ich ihn nach kurzer optischer Abschätzung zu stark eingenäht habe, aber das weiß ja keiner.

Im Garten geht der Frühling aktiv los und ich habe große Lust, den Rasen aufzuhacken, Split zu verteilen und meine gestapelten Steine als Wege zu verlegen. Zumindest damit zu beginnen, denn das wird sich wohl monatelang als Nebenbei-Beschäftigung hinziehen. Geht aber nicht, denn - entgegen meines festen Vorsatzes, im April nie mehr große Termine zu haben, weil ich unbedingt im Garten werkeln will, - fahre ich weg. Ausgerechnet in der Zeit, in der nicht nur draußen alles wundervoll explodiert, sondern zufällig auch der Gatte und der Sohn frei haben und den ganzen Tag zuhause sind. Ohne mich. Eine ungünstige Terminplanung, aber Resturlaub, Semesterferien und der Frühling lassen sich nicht verschieben. Und mein Kurs sowieso nicht.

Also packe ich meinen Koffer und lege hinein: Einen Frosch, einen Prinz, eine Prinzessin, Schaumstoff, Kleber, Nähzeug, Zahnbürste und mein Buch "Vom Frosch, der ein Prinz wurde". Morgen geht es zum Inszenierungskurs "Literatur in Szene gesetzt" im Bochumer Figurentheater-Kolleg. Zwei lange, intensive Wochen habe ich Zeit, um dort unter den aufmerksamen Blicken des Dozenten Bodo Schulte aus meinem Kinderbuch eine kurze Bühnennummer zu erarbeiten. Für eine kleine Schauspielergruppe könnte ich ganz schnell und ohne große Probleme ein spielbares Stück hinbekommen. Aber für mich alleine auf der Bühne, offen spielend, mit nur zwei Händen und meinen Klappmaulpuppen, da werde ich viel lernen, viel üben und vermutlich auch gewaltig nachdenken müssen.

Auch wenn es etwas von Urlaub hat - zwei Wochen Puppenspielen bei Bodo Schulte ist generell großartig -, habe ich doch gewaltigen Respekt vor der Aufgabe. Vor allem, weil der Kurs für mich nicht nur die Beschäftigung mit dem Inszenieren bedeutet, sondern ich danach die Entscheidung treffen möchte, ob ich aktiv an einem eigenen Stück arbeite und damit auch auftreten werde, oder ob ich es bei den hin und wieder auftauchenden Gelegenheiten belasse. Vielleicht wechsel ich danach auch zu einer anderen Puppenart oder suche nach einem Partner, mit dem ich spielen kann. Ziemlich sicher werde ich aber am Ende des Kurses vor einer Abzweigung meines Lebensweges stehen und mich für eine Richtung entscheiden. Momentan fände ich es toll, wenn es der aktive Puppenspielerweg wäre. 

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