Blog 412 - 20.03.2016 - Prinzengewand, Horrorladen und Rainald Grebe

Ein Prinzengewand muss genäht werden und ich bin erstaunt, was meine Stoffkiste so alles an königlichen Bekleidungsmaterialien hergibt. Außerdem verliebe ich mich zunehmend in meinen Prinzen. Aber dafür sind Prinzen ja da. Ungünstig ist nur, dass ich jetzt so viel an ihm nähe und er bei meiner Inszenierungsidee nur sehr kurz dabei sein wird. Aber vielleicht ändert sich das noch.

Früh aufstehen, in diesem Fall um 3:45 Uhr, heißt es in der Mitte der Woche, um rechtzeitig an der Grundschule im 300 km entfernten Malsch bei Karlsruhe zu sein. Dort gibt es zwei Giraffenlesungen für insgesamt fünf nette zweite Klassen. Ich weiß nicht, wie oft ich jetzt schon die Giraffe gelesen habe, aber es macht tatsächlich immer noch Spaß. Vor allem, wenn ich sehe, wie konzentriert die Kinder dabei bleiben und wie interessiert sie in der Fragerunde sind. Dass ich auf dem Hin- und Rückweg keinen Stau auf der Autobahn habe, ist ungewöhnlich, aber ebenfalls erfreulich.   

Kaum von Karlsruhe wieder zuhause angekommen, geht es nach Bonn, wo in der Oper "Der kleine Horrorladen" gespielt wird. Ich bin gespannt auf Michael Schanze, der Mr. Mushnik spielt, und natürlich auf "Audrey II", eine bewegliche Pflanze, die in den Bereich Figurenspiel fällt. Bei bewegten Figuren gucke ich momentan ganz genau hin. Im Stück gibt es dann sehr gute Livemusik, das Bühnenbild ist beeindruckend, einige Stimmen sind toll, aber insgesamt finde ich die Inszenierung nur nett und unterhaltend. Die aufwändigen, drehbaren Kulissenbauten scheinen die originellen Spiel- und Inszenierungsideen zu ersetzen. Oft kommt mir das Spielen gebremst und bieder vor. Als ob normale, nette Schauspieler abgedrehte und bösartige Charaktere spielen wollen, dabei aber weiterhin normal und nett rüberkommen. Der Zahnarzt kommt mir nicht überzeugend sadistisch, sondern eher wie ein lässiger 68er vor, und auch der eigentlich ausbeuterische Mr. Mushnik ist mir zu väterlich freundlich.    

Die verschiedenen Audrey II-Figuren sehen zwar recht gut und in der großen Variante auch imposant aus, sind aber mehr Dekorationsobjekte als lebendig erscheinende Figuren. Aus meiner Puppenspielersicht sind sie eine große Enttäuschung. Sie werden mechanisch bewegt, bei den Sprechszenen klappert das Maul nur plump hoch und runter, und die Bewegungen sind nie synchron. Dass der Schauspieler, der in dieser Inszenierung sichtbar die Pflanze spricht, alle Blicke auf sich zieht, weil er so viel interessanter als die unbeholfenen Bewegungen der Pflanze ist, ist kein Wunder. Und dass ich am Ende rausgehe und denke: "Joa, war ganz nett, aber mehr nicht", auch nicht. Es ist genau das passiert, worüber ich in meinen Kursen lerne. Es sind keine schweren Fehler zu erkennen, auf den ersten Blick ist alles gut gemacht, aber dann doch nicht gut genug, um Begeisterung auszulösen und das Gefühl zu haben, eine ganz tolle Vorstellung erlebt zu haben. Zumindest mir geht es so. Vielleicht bin ich auch nur zu verwöhnt von Daniel Wagner mit der wunderbaren "gestiefelten Katze" und Michael Hatzius mit dem herzberührenden Huhn.

Am nächsten Abend bin ich schon wieder in der Bonner Oper. Diesmal bei Rainald Grebe im Programm "Solo Spezial 2016". Die dicken Horrorladen-Kulissen sind weggeräumt, stattdessen steht ein Flügel auf der Bühne. Marcus Baumgart ist als Gitarrist dabei und Franz Schumacher sitzt am Pult. Rainald singt Lieder aus verschiedenen früheren Programmen und ich mache einen Salto rückwärts und fliege in alte Zeiten. 2004 saß ich zum ersten Mal in einer seiner Solo-Vorstellungen, die damals auch für ihn neu waren, und er traf mich sofort mit seinen Texten, seiner Stimme und seiner Persönlichkeit. Jetzt höre ich die Lieder wieder live von der Bühne und fühle mich selig lächelnd zurückversetzt.

Als ich nach dem Konzert nach Hause fahre, summe ich vor mich hin, strahle freudig und bin völlig tiefenentspannt. Das geht gleichzeitig. Ich denke daran, wie ich Rainald, der Puppenspiel an der Ernst-Busch-Hochschule studiert hat, vor zehn Jahren schon erzählte, dass ich auch immer gerne Puppenspiel machen wollte. Irgendwann konnte ich erzählen, dass ich meine erste Klappmaulpuppe gebaut habe. Jetzt denke ich über meine erste eigene Inszenierung nach. Wenn es so weitergeht, stehe ich irgendwann mal Puppen spielend mit ihm auf einer Bühne. OK, das ist jetzt ein bisschen weit hergeholt, aber ich habe gerne unwahrscheinliche Wunschvorstellungen. Manchmal werde ich sogar davon überrascht, dass sie tatsächlich eintreffen.

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