Blog 409 - 28.02.2016 - Mit Nadel und Motorsäge

Etwas Abwechslung finde ich ja immer ganz gut und in dieser Woche habe ich sie in Extremen. Ich arbeite drinnen und draußen, feinmotorisch und grobmotorisch, bin auf dem platten Land und mitten in der Stadt unterwegs, mache Lesungen und signiere Bücher, besuche eine Lesung und lasse mir Bücher signieren, schlafe nachts zu wenig und bin tagsüber müde. Langweilig ist das nicht. Da kann man nicht meckern.

Nachdem die Rumpelwichte vom Tisch sind, ist sofort ein Frosch dran. Beim Beziehen schreie ich immer mal wieder auf. "Biste wieder am Nähen?", grinst der Gatte. Die neuen Nadeln sind aber auch wirklich sehr fein und spitz. Den Frosch brauche ich im April bei einem Inszenierungskurs. Der Kurs trägt den Untertitel "Literatur in Szene gesetzt", und nachdem ich die Entscheidung, was für ein Stück ich dort erarbeiten möchte, lange hinausgeschoben habe, nehme ich jetzt mein eigenes Buch "Vom Frosch, der ein Prinz wurde". Also wahrscheinlich. Ich habe ja noch Zeit, die Entscheidung umzuwerfen. Falls ich aber dabei bleibe, möchte ich mit zwei fertigen Figuren ankommen, um dort nicht sofort bauen zu müssen.

Blöderweise ist es nicht nur nicht sicher, ob es bei der Froschgeschichte bleibt, es kann auch passieren, dass ich statt der Klappmaulpuppen Handpuppen nehmen möchte. Oder Tischpuppen. Aber das Risiko einer kurzfristig anderen Entscheidung gehe ich ein, und da Klappmaulpuppen auf aufwändigsten zu bauen sind, lege ich damit los. Eine genaue Inszenierung möchte ich mir noch nicht überlegen, denn dann fühle ich mich festgelegt, wenn der Kurs startet. Ich möchte schon mit einigen Ideen ankommen, aber offen für andere Möglichkeiten sein. Einfacher gesagt als getan.

Während ich mich noch weigere intensiv über die Inszenierung nachzudenken, wirbeln die Hirnzellen in meinem Kopf schon lebhaft herum. Sie sind dabei so laut und aufgedreht, dass sie mich nachts wach machen, um mir Ideen vorzuführen oder auf Probleme hinzuweisen. "Wenn du mit dem Prinzen beginnst, wie willst du denn dann wieder zum Frosch kommen?", fragen sie mich, während ich mit müde verquollenen Augen zur Uhr blinzel und 3:02 erkenne. "Weiß ich auch nicht", murmel ich. "Ich kann ja auch mit dem Frosch anfangen." Kaum bin ich wieder weggedöst, rufen sie: "Du könntest eine Rückblende machen!" Stöhnend sage ich: "Ja, wäre möglich, aber ich will da später drüber nachdenken, nicht in der Nacht!" "Ja, ja", sagen sie einsichtig, um kurz darauf zu schreien: "Wir haben es! Du beginnst die Geschichte von hinten und lässt die Hälfte der Personen weg." "Es ist kurz nach Vier!", stöhne ich. "Kann ich jetzt bitte erstmal schlafen?" Es ist nicht einfach, wenn man überdrehte Kreativzellen im Kopf hat. Wenn die so weitermachen, werde ich im April mit einer fertigen Inszenierung ankommen, aber während des Kurses durchgehend schlafen.

Eine halbe Fahrstunde von mir entfernt, in einer eher ländlich gelegenen Grundschule, lese ich aus dem Giraffenbuch. Ich bin schon auf der Hinfahrt gut gelaunt, denn ich mag es, wenn während der Fahrt die Sonne aufgeht. An der Schule gibt es ein sehr engagiertes Kollegium, die Kinder sind toll und es macht großen Spaß. Am Abend fahre ich nach Köln, wo Cornelia Scheel und Hella von Sinnen das Buch über Cornelias Mutter, Dr. Mildred Scheel, vorstellen. Hella liest und Cornelia Scheel beantwortet danach Fragen über ihr Leben und das ihrer Eltern. Ein lebendig geschriebenes Buch, sehr schön von Hella gelesen, und ein gemütlicher Abend im Volkstheater, das früher "Millowitsch" hieß. Und im Gegensatz zum Vormittag stehe diesmal ich an, um ein Buch persönlich signiert zu bekommen.

Weil der Frühling schon da ist, bin ich viel im Garten unterwegs und werkel mit der Spitzhacke oder der großen Astschere. Dabei schreie ich deutlich weniger als im Umgang mit einer kleinen Nadel. Eigentlich gar nicht. Eine Tanne muss dringend weg und so kommt auch noch die Motorsäge zum Einsatz.    

Links ein Haus, rechts ein Haus, hinten eine Oberland-Stromleitung. Als die Tanne mit lautem Rauschen und Knacken sauber nach vorne in die geplante Lücke im Garten fällt und dabei nur einen kleinen Ast des Sanddornbaums und ein winziges Ästchen der schwarzen Johannisbeere mitnimmt, alle Obstbüsche, die Vogeltränke, die Buchsbäume und sogar den Holzzaun aber heil lässt, sozusagen den geringstmöglichen Schaden überhaupt anrichtet, jubel ich auf. Am nächsten Tag mache ich gleich im Vorgarten weiter, wo dringend dicke Äste weggesägt werden müssen. Danach sieht der Vorgarten aus wie ein gerupftes Huhn. Schön ist das nicht, aber ich beschließe trotzdem, erst im Herbst weiterzusägen. Bis dahin habe ich hoffentlich die hohen Hügel von wild übereinander geworfenen Ästen und Stämmen weggeräumt.

Am Ende der Woche gebe ich die beiden Rumpelwichte ab, damit sie bei "Ronja Räubertochter" mitproben können. Sie gucken bei der Abreise etwas ängstlich, - alles Neue ist ihnen suspekt -, aber es wird ihnen auf der Bühne gefallen, da bin ich sicher. Ihre ständige Frage "Wieso denn bluß?" überhöre ich ganz einfach und nicke ihnen beruhigend zu.

 

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