Blog 404 - 24.01.2016 - Unsichtbarer Puppenstar mit freudigem Grinsen

Die Fernsehsendung "Die Puppenstars" hat mir in den letzten Monaten viele neue und besondere Erfahrungen gebracht. Ein spannendes Casting im August, bei dem ich richtig viel Spaß hatte. Eine Absage nach einigen Wochen, die ich mehr als locker nahm. Viel Nähen und Bauen als Assistenz von Bodo Schulte, was ganz großartig war. Einen trubeligen und tollen Kinderworkshop, und das Miterleben, wie aus dem ursprünglich geplanten Konzept der liebevollen Darstellung verschiedener Puppenspielarten dann doch eine große, bunte, effektvolle RTL-Show wurde.

Die beiden Vorauswahlshows sind gerade abgedreht, - eine davon habe ich in der letzten Woche als Zuschauerin angesehen -, da bekomme ich überraschend die Möglichkeit, bei der Finalshow eine kleine Nebenfigur zu spielen. Überraschend darum, weil es zwar vorher mal als eventueller Einsatz angedacht war, ich vier Tage vor der Aufzeichnung aber überhaupt nicht mehr damit rechne. Ich freue mich sehr! Es ist der passende Abschluss der letzten Monate, die bei mir immer wieder von der Puppenshow geprägt waren. Dabei geht es mir nicht darum, bei der Finalshow nun doch dabei zu sein. Mit meiner eigenen kleinen Nummer hätte ich das gar nicht mehr machen wollen. Aber unsichtbar hinter der Spielleiste einen Puppenstatisten zu spielen und damit eine Nummer zu unterstützen, ist für mich perfekt. Es ist mein ganz persönliches Show-Finale.

Gleich am nächsten Tag ist die erste Probe im Kölner Coloneum. Der kleine Puppen-Hauptdarsteller bekommt für seine Finalnummer eine kleine Puppen-Band als Begleiter. Ich spiele den Schlagzeuger, neben dem ein Gitarrist und ein Bassist stehen. Außerdem bekommt die kleine Puppengruppe aber auch noch eine bühnenfüllende Gruppe von mehreren echten Tänzerinnen und Tänzern. Die tanzen während der Probe professionell und temperamentvoll vor der improvisierten Spielleiste herum, sehen toll aus, tanzen klasse und lenken ziemlich vom nur 30 cm hohen Hauptdarsteller ab.

Probenatmosphäre. Die Musik wird abgespielt, vorne zählt die Tanztrainerin laut: "One, two, three - turn!", die Tänzer hüpfen rhythmisch über den Boden, hinter den beiden Spielleisten werden die Puppen bewegt, Bodo, der Puppenspiel-Coach, ruft mit Blick auf die Puppen: "Der Gitarrist muss höher gucken! - Walter schnell nach links und die Arme zur Seite!" und die Tanztrainerin ruft gleichzeitig: "Turn, turn, three, four!" Der Raum ist voll mit Geräuschen, Rufen, Gesang, Getrampel und dem Schleifen der über den Boden rutschenden Schuhsohlen. Cool. Ich mag das. Mein kleiner Schlagzeuger, der noch kein Schlagzeug hat, haut wild in die Luft und guckt dabei genauso fröhlich wie ich.

Als etwas später eine weitere Probe auf der richtigen Fernsehbühne stattfindet, wo dem Regisseur die Nummer vorgeführt wird, sitze ich auf meinem Platz hinter der Leiste, spiele meine Puppe, über mir singt der Puppen-Hauptdarsteller, von weit oben strahlen Scheinwerfer und ich grinse glücklich und finde, ich bin an der richtigen Stelle. Die muss nicht unbedingt in einem Fernsehstudio sein, aber hinter einer Leiste und mit einer Puppe auf der Hand.

Nach einem weiteren Probentag, an dem alle Nummern in einem großen Durchlauf auf der Bühne gespielt werden, ist der Tag der Finalshow da. Auf den ersten Blick wirkt alles lässig, aber ein generell erhöhter Adrenalinspiegel ist überall zu spüren. Das muss so sein, denn jetzt soll alles klappen. Die große Show ist der Schlusspunkt der letzten Arbeitsmonate. In der Requisite werden die letzten Änderungen geklebt und geschraubt, große Bühnenteile werden hin- und her gefahren, die Puppenspieler werden vom Interview, zur Garderobe, zur Maske, in die Lounge gelotst, und in allen Gängen stehen Dekorationen, Zubehör und Puppen.

Während im Studio noch die große Eröffnungsszene mit Musik und Licht geprobt wird, warten im Foyer schon die Zuschauer auf den Einlass. Ich denke an viele Konzerte, an denen ich backstage dabei war und wesentlich mehr zu tun hatte, als auf einen einzelnen Statisten-Auftritt zu warten. Oft war ich sogar ziemlich verantwortlich für etwas. Aber auch wenn ich diesmal nicht viel zu tun habe, mag ich die leicht angespannte Atmosphäre und fühle mich im nüchternen Arbeitsbereich vertrauter und wohler als auf einem Zuschauerplatz. Ich trinke Kaffee und gucke die große Show, die gleich nebenan hinter der Tür stattfindet, auf einem unspektakulären Bildschirm. Wenn sich die Tür kurz öffnet, sind die Geräusche und der Applaus aus dem Saal laut zu hören. Alle auftretenden Puppenspieler müssen durch den Raum, um zu ihrem Auftritt zu kommen, und wenn sie zurück kommen, werden sie oft von wartenden Puppenspielern und Mitarbeitern beklatscht.

Endlich ist "unsere" Nummer dran und ich freue mich richtig, als ich auf meinem Platz hinter der Leiste sitze, der Vorhang aufgeht und wir spielen können. Nur schade, dass es nicht viel länger dauert. Ein bisschen unterfordert fühle ich mich doch, aber auch kleine Nebendarsteller, die sich nicht mal wild bewegen dürfen, um nicht vom Hauptdarsteller abzulenken, müssen mit Energie und Liebe gespielt werden. Und das mache ich. Vermutlich die ganze Zeit über freudig grinsend.

Am Ende der Aufzeichnung stehen die drei Siegernummern fest, es gibt fallende Goldschnipsel und Gejubel, stehendes Publikum, und dann ist die Show vorbei. Für die Zuschauer war sie stellenweise zäh, weil viele Umbaupausen abgewartet werden mussten, für die Darsteller war es weitgehend spannend und schnell vorüber. Mal sehen wie die drei Sendungen sein werden, wenn sie geschnitten und mit Einspielern ergänzt sind. Am Freitag, den 29., also in knapp einer Woche, wird die erste Vorentscheidung-Sendung zu sehen sein. Abends bei RTL. Und in der dritten Sendung, der Finalshow, werde ich dabei sein. Hinter der Spielleiste, nicht zu sehen, eine anonyme Puppenspielerin mit einem freudig grinsenden Schlagzeuger darüber.

Obwohl der Beginn der Woche intensiv mit der Puppenshow gefüllt ist, ist sie danach abgeschlossen und ich habe wieder Zeit für andere Sachen. Zum Beispiel für das geheime Geheimprojekt, von dem ich immer noch nichts schreiben kann, weil es immer noch geheim bleiben muss.

Außerdem baue ich eine Puppe, die fröhlich und mitreißend sein soll, aber zaghaft und depressiv wird. Ein eigener Baufehler, den ich früh sehe, aber nicht beachte, weil ich denke, dass es schon irgendwie gut ausgehen wird. Aber ich habe auch keine Zeit, um neu zu beginnen. Jetzt muss sie da durch.

Ganz ohne Puppen geht es bei Serdar Somuncu zu, der eine Lesung in der Mayerschen Buchhandlung in Köln macht. Ich fahre recht müde hin und erlebe einen intensiven, lustigen und ernsthaften Abend, der mich ganz wach macht. Serdar erzählt, liest, lacht, regt sich auf. Was für ein toller Mensch, der mit klarem Blick Zusammenhänge sieht und immer wieder laut darauf aufmerksam macht. Seine stabile, polternde und humorvolle Seite überdeckt ein wenig, dass er auch sensibel und mutig ist.

Während der Lesung habe ich plötzlich das Bild vor mir, wie er durch die Gegend läuft und im Vorbeigehen, ohne groß zu überlegen, mit dem Finger in jedes Wespennest bohrt. Allerdings hat er dabei ein kleines, freches Grinsen im Gesicht, wie ein Kind, das gerne mal gegen die Regeln handelt. Und jedes Mal schießen natürlich sofort aggressiv sirrende Wespen heraus und fliegen wütend um ihn herum. Vermutlich erkennt man ihn schon von weitem, weil immer irgendwas um seinen Kopf fliegt und sich aufregt.

Am nächsten Wochenende wird das geheime Geheimprojekt ungeheim werden. Bis dahin ist noch viel zu tun. Sehr viel sogar. Danach sollte ich mich auf eine weiche, große Matte fallen lassen und eine Woche lang nicht mehr aufstehen. Aber wie ich mich kenne, nutze ich die freie Zeit, um an einer Puppe zu bauen oder im Garten Bäume umzusägen.

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