Blog 398 - 13.12.2015 - Besteck zählen, Puppen-OP und ein Splitter

Zu Beginn der Woche sieht mein Kalender ziemlich leer aus und ich gehe davon aus, dass ich eine geruhsame Woche habe. Warum sich dann plötzlich viele kleine, dringende Ereignisse reinquetschen, kann ich nicht nachvollziehen. Tatsache ist, dass ich plötzlich ständig etwas zu tun habe. Bücher nach Köln zu "Wünsch dir was" bringen, im Garten Äste schneiden, damit die Biotonne rechtzeitig voll wird, Papierkram und Rechnungen erledigen, eine Küche begutachten, inwieweit sie bei einer größeren Feier einsetzbar ist und gleich mal die Teller- und Besteckanzahl abschätzen, und blitzschnell Einladungskarten machen.

Die Einladungskarten möchte ich planmäßig in der nächsten Woche fertig haben und ehe ich die Gestaltung überlege, gucke ich im Internet, wie lange es dauert, wenn ich sie drucken lasse. Das Telefon klingelt. Die Karten sollen möglichst SOFORT fertig sein, weil sie unerwartet schnell rausgeschickt werden müssen. Ups, das ist knapp. Und das klappt nicht mit einer Druckerei, sondern nur mit Selbermachen. Also sofort illustrieren, Text dazu, am Farbkopierer kopieren, Papiere schneiden und alles einzeln und von Hand zusammenkleben.   

Der Vorteil des überstürzten Einsatzes ist, dass ich nicht lange planen, überlegen und vorskizzieren kann. Den Text links ein winziges Stückchen höher? Oder doch ein ganz anderes Motiv und das in die Mitte setzen? Grundfarbe Blau oder lieber ein dunkles Rot? Egal. Es bleibt keine Zeit zum Abwägen, es muss zackig gehen und fertig werden.

Die Karte ist für den runden Geburtstag meines Vaters. Als ich sie zu meinen Eltern bringe, zeigt mir meine Mutter die Einladungskarte eines ihrer langjährigen Freunde, die dessen Sohn gezeichnet hat. Der Sohn ist Martin Perscheid, der schon viele tolle Bücher mit seinen witzigen Zeichnungen gemacht hat. Ich weiß genau, wie meine Mutter die Einladungskarte abgeben und sagen wird: "Die hat Anette gemacht", während die Perscheids auf ihre weisen und sagen: "Und die hat Martin gemacht". Wir bleiben einfach die Kinder Anette und Martin, die für ihre Papas die Einladungen zeichnen. Und wir sind nur zwei von mehreren Kindern, die alle irgendetwas können. Wie erdend und beruhigend.

Am Ende der Woche komme ich endlich in den Operationssaal. Zum Glück werde ich nicht auf einem Bett reingeschoben, sondern sitze mit ernster Miene vor dem Patienten, der auf meinem Arbeitstisch liegt. Es ist die vor einigen Monaten extra angefertigte Klappmaulpuppe, die bis zum Januar noch inoffiziell und unbekannt im Untergrund leben muss. Deren Gaumennähte kommen mir zu schwach für intensive Einsätze vor und ich möchte sie etwas stabiler machen. Und wenn ich schon daran herumschneide, will ich gleich noch die Gaumenplatten gegen besseres Material austauschen. Ich habe vor kurzer Zeit ja die schönen Platten mit dem leichten, aber stabilen Baumaterial bekommen.

Es ist eine heikle OP, denn der Gesichtsausdruck der Puppe soll sich außen nicht ändern, auch wenn ich das Innenleben austausche. Dementsprechend vorsichtig und konzentriert gehe ich an die Arbeit. Leichter Regen tröpfelt aufs Dachfenster, es ist ganz still, und ich habe keine Uhr in der Nähe, denn es ist egal, wie lange ich dort sitze, weil ich an diesem Tag keinen Termin mehr habe. Ich schneide, klebe und nähe vor mich hin und bin weitab von der Welt, nur erreichbar über eine schmale Wendeltreppe. Wundervoll.

Auch am nächsten Tag hantiere ich mit scharfem Cuttermesser, Sekundenkleber, spitzen Nadeln und einem Schlageisen. Alles läuft problemlos. Doch kaum wechsel ich vom Werkzeug zur Hausarbeit, zersplittert eine Glasschüssel auf dem Boden, explodiert in viele Stücke und ein winziger Splitter trifft mein Auge. Nicht dramatisch, aber so, dass er zu spüren ist. Natürlich ist es Samstagabend, und weil ich nicht weiß, ob der Splitter Schäden anrichten kann, muss ich mich mit dem diensthabenden Augen-Notarzt in einer Augenarztpraxis treffen.

Kurz vor der Hausarbeit hatte ich noch vernünftig entschieden, dass ich nicht zum Programm von Lilo Wanders nach Köln fahre, weil ich nach den vielen Terminen der Woche besser ein ruhiges Wochenende brauche, jetzt sitze ich ganz ruhig vor einem Augenarzt, der versucht, den vertrackten Minisplitter zu finden. Der Arzt ist sehr nett und sympathisch, er arbeitet konzentriert und wirkt kompetent, und ich kann völlig entspannen und ihn vertrauensvoll an meinem offenen Auge arbeiten lassen. Kurz denke ich, dass es bei Lilo vermutlich lustiger geworden wäre, aber die Ruhe und Entspannung in einer abendlichen und fast schon im Schlaf liegenden Augenarztpraxis sind kaum zu schlagen.

Zum Glück scheint der Splitter nur störend, aber nicht gefährlich zu sein. Leider aber auch geschickt versteckt, denn er ist trotz langer und sorgfältiger Suche nicht zu finden. Zumindest nicht mit den normalen Werkzeugen einer Augenarztpraxis. Da heißt es heute leider weitere Ruhe und Entspannung sowie den Splitter in der Augenklinik zu suchen. Morgen habe ich einen langen Arbeitstag vor mir, auf den ich mich sehr freue und bei dem ich unbedingt zwei offene Augen brauche. Hoffentlich klappt das.

In der Augenklinik.
Logischerweise gibt es Richtungsangaben auf dem Boden in Brailleschrift.

Nachtrag: Aus der Augenklinik zurück kratzt und juckt das Auge immer noch, aber es wurde kein Glassplitter und auch keine Schädigung gefunden. Möglicherweise ist am Abend vorher der Splitter schon erfolgreich entfernt worden, die Haut aber noch gereizt. Ich gehe mit Tropfen, Salbe und der Empfehlung, ein paar Tage abzuwarten, ob es dann besser wird, nach Hause. Ein Ergebnis, mit dem ich sehr zufrieden bin. Wie gut, dass es Notfalldienste und Sonntags-Ambulanzen gibt, in denen so was abgeklärt werden kann. 

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