Blog 396 - 29.11.2015 - Spielen, lesen und die Muscheldame

Im nächsten Frühjahr habe ich die Gelegenheit, in ein schon bestehendes Theaterstück einzusteigen. Kurioserweise dachte ich vor einigen Monaten, als ich das Stück ansah, genau bei der Rolle, die jetzt neu besetzt werden muss, dass die was für mich wäre. Kaum stehen die ersten möglichen Aufführungstermine für März und Mai im Raum, stellt sich heraus, dass es schwierig ist, alle Mitspieler für überhaupt irgendeinen gemeinsamen Termin zu bekommen. Mein vorbildliches Vorhaben, den Text ab nächster Woche schon zu lernen, stelle ich daraufhin vorerst zurück. Erstmal abwarten, ob das überhaupt was wird. 

Als ich kurz überlege, fällt mir auf, dass es theatermäßig im nächsten Jahr mager bei mir aussieht. Von vier anderen möglichen Projekten wird eines wohl komplett ausfallen, bei einem anderen bin ich zu den Aufführungszeiten nicht da, zwei weitere werden vermutlich nicht passen. Wenn jetzt mein Einspringer-Stück auch wegfällt, bleibt nichts mehr. Ohne dass ich es merke, springen meine Hirnzellen sofort hoch und schieben mir einen dicken Satz in den Denkbereich. "Das ist doch DIE Gelegenheit, alleine Theater zu spielen. Mach ein Puppenstück!", kommt mir plötzlich in den Sinn. Huch? Was ist das denn für ein Gedanke? Aber, ... der ist gar nicht schlecht. Warum denn nicht?

Purple Schulz hat ein sehr persönliches Buch geschrieben und stellt es in einer Konzertlesung in Köln vor. Ich bin sehr gespannt, denn nicht nur, dass ich Purple in den 80ern sehr bewusst miterlebt habe und sein großer Hit "Sehnsucht" sofort als Maxi-Single den Weg in meine Seele fand, inzwischen sind wir auch befreundet. Einige seiner Erlebnisse der letzten Jahre habe ich live oder aus Erzählungen mitbekommen und ich bin sehr gespannt, wie er darüber und über seine früheren Jahre berichtet. Der Abend ist lang, berührend und noch persönlicher als ich erwartet hatte. Wunderschön! Und das Buch ist klasse.

Passend zu meinem aktuellen Puppenszenen-Leben gibt es in Köln den 1. Puppetry-Slam, den ich mir natürlich ansehe. Witzigerweise sind recht viele Besucher und Teilnehmer da, die ich von Bau- und Spielkursen oder auch vom Casting für die Puppenshow kenne. In der Show zeigen mehrere Puppenspieler kurze, selbstgeschriebene Nummern und das Publikum wählt am Ende den "Sieger". Es ist ein schöner Abend, und es ist macht mir große Freude zu erkennen, wie viele schöne Nummern und gute Spieler es außerhalb der TV-Show gibt. Die Veranstaltung ist ausverkauft, das Publikum ist gut gelaunt und ich fühle mich mächtig motiviert. Was für eine spannende, lebendige Puppen-Theaterwelt es gibt!

In der Nacht schlafe ich nicht viel, denn meine Hirnzellen schieben mir ununterbrochen Sätze in den Denkbereich. Ich möchte gerne Puppenspielen, warum nicht dort? Aber das geht nicht mit einer spontanen "Ich-hab-Spaß"-Nummer, da werden schon richtig gute Sachen gezeigt. Was kann ich da vorführen? Ich will doch gar nicht so gerne offen spielen, aber alles andere wäre zu kompliziert. Also doch offen. Aber was für eine Nummer?

Nach einer sehr kurzen Nacht muss ich früh morgens raus, um an einer Grundschule vier Lesungen zu machen. Oh je. Ich habe kaum geschlafen, der Hals kratzt und ich weiß, dass vier Lesungen auch bei ausgeschlafenem Zustand sehr anstrengend sind. Hoffentlich hält die Stimme. Und hoffentlich hält die Konzentration. Auch die vierte Lesung soll schließlich spannend und lebendig sein und die Kinder sollen nicht merken, dass der Autorin die ganze Nacht Puppenszenen im Kopf herumgesprungen sind. 

Aber dann flitze ich ohne Stau bis zur Schule, dort sind alle total nett, die Lesungen machen Spaß, die Stimme hält, die Kinder hören schön zu und stellen danach viele Fragen, und ich fühle mich fit und wach. Am gleichen Nachmittag geht es zur Premiere des Weihnachts-Theaterstücks, das in diesem Jahr ohne mich stattfindet. Aber es ist alles so vertraut, dass ich kaum merke, dass ich keinen eigenen Auftritt auf der Bühne habe.

Auf der Heimfahrt fällt mir unerwartet ein, was ich beim Puppetry Slam spielen könnte. Die Grundidee ist da. Sie sieht so vielversprechend aus, dass ich losgrinse und mir zuhause sofort einen Zettel mit spontanen Gedanken dazu bekritzel. Demnächst werde ich mal genauer überlegen, ob sie machbar ist. Wenn ja, heißt es Puppe bauen, Nummer ausarbeiten, üben und dann vielleicht tatsächlich mal bei einem Puppetry Slam auftreten. 

Die Woche endet mit einer Kitschparty bei einer Freundin. Jede Besucherin bringt ein hübsch verpacktes Geschenk mit, dessen Inhalt sie irgendwann einmal bekommen hat und ziemlich schlimm findet. In spannenden Runden werden alle Präsente ausgewürfelt, und beim Auspacken gibt es entsetzte Aufschreie oder schmerzlich verdrehte Augen. Endlich bin ich meine Muscheldame los.

Blogübersicht nächstervorheriger