Blog 394 - 15.11.2015 - Puppenbau-Assistentin und einer meiner Söhne

Am letzten Sonntag bin ich für eine Lesung bei der Buchausstellung einer Gemeindebücherei gebucht. Es ist zwar November, aber T-Shirt-Wetter, was bedeutet, dass viele Familien lieber einen letzten sommerlichen Ausflug ins Freie machen. Dementsprechend gibt es auch nicht viele Zuhörer bei der Lesung. Vier Kinder, drei Erwachsene und meinen bisher jüngsten Zuhörer mit zwei Monaten, der zwischendurch interessiert mit großen Augen in den Raum starrt und leise bleibt. Wenige Zuhörer bedeuten meist ganz besonders intensive Lesungen und diese zieht sich bis in eine ausführliche Unterhaltung. Es macht Spaß, und ich finde, selbst wenn nur ein einziges Kind da wäre, hätte es den Anspruch auf eine gut gemachte Lesung.

Für Dienstag und Mittwoch bin ich auch gebucht, aber nicht zum Lesen, sondern als Puppenbau-Assistenz. Im Bochumer Figurentheater-Kolleg werden einige Kandidaten der Puppenshow gecoacht und bei manchen muss an den Puppen gearbeitet werden. Mein Puppenbaulehrer Bodo Schulte, der gleichzeitig coachen und bauen muss, kann in der Werkstatt Hilfe gebrauchen und ich sage freudig zu. Kaum bin ich da, werde ich von ihm gefragt: "Könntest du auch zwei Tage länger bleiben?" Zum Glück ja. Ein bisschen skurril ist, dass ich - wie so viele andere Castingteilnehmer - noch immer keine Rückmeldung habe, aber schon die Puppen anderer Kandidaten mit meiner Arbeit verbessere.

Ein Problem habe ich damit aber gar nicht, denn abgesehen davon, dass ich meine Nummer für "nett und witzig, aber zu klein für die große Fernseh-Show" halte, bin ich emotional schon ziemlich draußen. Da es viele Kontakte der Teilnehmer untereinander gibt, geht auch ohne offene Information der Produktion immer schon herum, wer "drin" ist, wer "draußen" ist und wer noch wartet. Manche Entscheidung löst dabei auf Seiten der Puppenspieler Verwunderung aus. Als dann die ersten "Homestorys" im Gespräch sind, überlege ich, ob ich das wirklich noch will. Mit den tollen Puppen-Coaches Bodo und Iris arbeiten, sofort und liebend gerne, auch wenn das spielerisch und dramaturgisch Veränderungen bedeuten würde, aber möchte ich meine Nummer von einer Fernsehproduktionsfirma fernsehgerecht ändern lassen?

Ich grübel nicht, sondern warte einfach ab, schnippel gut gelaunt stundenlang vor mich hin, genieße die manchmal etwas hektische Arbeitsatmosphäre, lerne nette Kandidaten kennen und fühle mich trotz langer Arbeitstage sehr wohl. Es ist toll, was für verschiedene Menschen mit Puppen spielen und dass es so viele völlig unterschiedliche Nummern gibt. Als endlich ein Mitarbeiter der Produktion anruft und mir mitteilt, dass ich leider nicht weiter bin, verwirre ich ihn vermutlich mit meiner guten Laune und der Leichtfertigkeit, mit der ich reagiere. "Ja, ist OK. Kein Problem. Hat Spaß gemacht. Tschüss." Anscheinend weiß er nicht, dass ich gerade für die Show arbeite, was ich wiederum sehr witzig finde. Völlig unangemessen als Reaktion auf eine Absage lächel ich zufrieden, als ich zurück in die Werkstatt eile. Hey, ich hatte ein Casting, das mir sehr viel Spaß gemacht hat und das für mich der Startpunkt zum eigenen Spielen ist. Großartig! Ab jetzt hätte es unter Umständen anstrengend werden können, weil ich eher skeptisch auf Änderungswünsche spielferner Autoren reagiere. Stattdessen drücke ich eben fest die Daumen für all die netten Kandidaten mit ihren tollen Nummern. Hauptsache, die Show wird schön!

Am letzten der vier Tage in Bochum ist am meisten zu tun, weil vieles unbedingt fertig werden muss. Nähen, kleben, anheften, schattieren ... Obwohl es anstrengend ist, mag ich solche Ausnahmesituationen, in denen bis in die Nacht unter Hochdruck gearbeitet wird und es nur gemeinsam zu schaffen ist. Was für eine Energie und Freude ich mitnehme, wenn ein Hand-in-Hand-Arbeiten so gut klappt und die Laune und der Umgang miteinander trotz Stress und Müdigkeit so gut bleiben! Es ist fast schade, als die wichtigsten Arbeiten geschafft sind und die Zeit vorbei ist. Erst in der Nacht auf dem Rückweg höre ich im Radio von den Anschlägen in Paris und bin sofort wieder erschrocken und traurig in der Realität. 

Aber natürlich geht und muss das kulturelle Leben weitergehen. Gleich am nächsten Abend wird im kleinen Erftstädter Theater von Szene 93 "Alle meine Söhne" von Arthur Miller gespielt. Der Titel ist von daher verwirrend, weil gar nicht alle meine Söhne mitspielen, sondern nur einer. Ganz unabhängig davon, dass er dabei ist, finde ich die Produktion sehr gelungen und klasse gemacht.

Schön, ich freue mich immer, wenn ein Stück fesselt und sich zum Ende hin noch steigert. Es ist dabei egal, ob es sich um eine Komödie oder ein Drama handelt. Seitdem ich in einer Aufführung von "Mit Spitzenhäubchen und Arsen" fast mal vor Langeweile und innerlichem Stöhnen gestorben wäre, weiß ich, dass man sogar idiotensichere Klassiker mit mangelnder Regie, schlechter Inszenierung und fehlendem Talent komplett zerstören kann. Umso schöner, wenn dann ein Amateurtheater so eine Aufführung hinlegt.

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