Blog 316 - 18.05.2014 - Der zehnte Sprecher und Stoffbuchstaben

Beim Hörspiel ist gerade die letzte noch freie, weibliche Rolle besetzt, da meldet sich einer der männlichen Mitspieler ab, weil er Terminprobleme mit den Aufführungen im September hat. Kurz vor der ersten Komplett-Probe - (das komplette Team trifft sich und liest das komplette Stück) -, sind wir nicht mehr komplett. Jetzt heißt es, möglichst schnell einen passenden Sprecher für genau diese Rolle zu finden. Mir fällt sofort Ferenc ein, der früher bei den Wise Guys der Bass war und der stimmlich wunderbar passen würde, ich weiß aber nicht, ob er Lust dazu hätte. Spontan frage ich bei ihm nach und zu meiner großen Freude sagt er zu. Wie schön! Ich bin selber überrascht, dass es klappt. Er vermutlich auch. Ich freue mich ja sowieso auf das Stück, jetzt aber außerdem, dass er dabei ist und wir mal wieder etwas zusammen machen.

Das Team ist komplett, und die zehn Sprecherinnen und Sprecher gehen ab sofort ans fröhliche Morden. Zunächst probeweise, im September dann mehrmals vor Publikum.In der letzten Woche finde ich es noch genau richtig, dass ich viel Zeit für mich und meine sommerlichen Gartenvorbereitungen habe. In dieser ist das zweite Regal aufgebaut und der Hof wohnlich freigeräumt, da bekomme ich einen Anruf und habe plötzlich einen Nebenjob. Ich werde zur Aushilfskraft in meinem Lieblings-Copyshop, in dem es nicht nur Kopien, sondern auch bedruckte T-Shirts, kleine Geschenke und viel Genähtes für Babys und Kinder gibt. Netterweise sind auch meine Kinderbücher im Sortiment. Nun ist es ja nicht so, dass es mir langweilig ist und ich darum dringend Beschäftigung suche, aber stundenweise in einem kleinen, trubeligen Laden überall dort anzupacken, wo gerade viel zu tun ist, macht großen Spaß.

Schon in den ersten Stunden lerne ich genähte Kissen mit Watte zu füllen, Plotterschriften freizulegen, T-Shirts zu bedrucken, Stoffbuchstaben auszuschneiden, Kopien zu vergrößern, Farbpatronen auszutauschen und zu kassieren. Wer weiß, wann ich diese Kenntnisse mal woanders brauchen kann. Vielleicht gibt es eine brenzlige Notsituation, in der jemand panisch ruft: "Gibt es hier jemanden, der einen Stoffbuchstaben ausschneiden kann??", und ich kann mich dann mit einem kräftigen "Hier!!" melden.

Ein kräftiges "Hier!" ruft auch mein kleines Auto. Vor sechs Jahren habe ich es für 1012,- Euro bei EBAY ersteigert - eine Aktion, bei der mir nach dem Zuschlag ziemlich mulmig wurde, weil ich das Auto nur als Foto kannte und den Verkäufer nicht mal als das. Inzwischen ist das Auto 19 Jahre alt  (wie alt der Verkäufer ist, interessiert  mich gar nicht), und es kommt unglaublicherweise einfach so schon wieder durch den TÜV. Wenn mehr als zwei Leute drin sitzen, knarrt es, im Winter lässt es sich nicht gut heizen, im Sommer dafür schlecht kühlen, aber es startet, fährt und bremst, was für ein Auto ja die Hauptsache ist. Der Werkstattmann meint augenzwinkernd, dass die Unermüdlichkeit des Autos wohl an den aufgeklebten Blumen liegt, und ich denke, er als Fachmann wird das schon wissen. Mir jedenfalls erscheint es logisch.