Blog 390 - 18.10.2015 - Husten, Steine schleppen und die Showbühne

Es geschieht ja häufig, dass ich in einer Woche recht unterschiedliche Sachen mache, aber diesmal passen die überhaupt nicht zusammen. Ich lege mir nämlich eine dicke Erkältung zu, schleppe viele Steine und gehe zum Casting der Puppenshow.

Mit der Erkältung fängt es an und mit dickem Kopf und Halsschmerzen geht's in den OP. Zum Glück liege nicht ICH auf dem Operationstisch, sondern der Hase. Seine Ohren haben sich durch das viele Herumwackeln am Ansatz gelockert und das linke hängt schlapp über dem Auge. Es steht eine Ohren-Korrektur an. Auch die Kopfdecke des kleinen Bauchredners muss endgültig geschlossen und mit dem Hut abgedeckt werden. Ich nähe und klebe vor mich hin und nicke den Patienten danach aufmunternd zu. Schönheits-OPs geglückt.

Am Abend wird bei Ebay ein Stapel Pflastersteine für den Garten fällig, auf den ich geboten habe. Auf dem Foto sieht der schön übersichtlich aus, aber als ich das Angebot nochmal lese - diesmal gründlich -, erfahre ich, dass es 384 Steine sind, von denen jeder 2,6 Kilo wiegt. Bin ich eigentlich blöd, genau in der Castingwoche auf so was zu bieten und dann eventuell abholen zu müssen? Außerdem schränkt mich die Erkältung gerade ziemlich ein. Ich hoffe auf einen Bieter, der mich bei dem sehr günstigen Angebot überbietet, aber natürlich geht der Zuschlag an mich. Was mich dann trotzdem freut.

Blöderweise ist mir beim nachträglichen Lesen des Angebotes ein weiterer Anbieter aufgefallen, der auch sehr schöne Pflastersteine anbietet und nur fünf Fahrminuten entfernt wohnt. Da ich jetzt ja schon vor dem Problem stehe, dass ich 1000 Kilo Steine transportieren muss, kommt es auf einige mehr gar nicht mehr an. Nach kurzem Überlegen - eigentlich denke ich nur: "Keine Ahnung, wie ich das schaffen soll, aber wird schon irgendwie gehen" -  ersteigere ich am gleichen Abend einen weiteren Stapel Steine. Etwas Bewegung an der frischen Luft ist das Beste, was ich bei einer Erkältung machen kann, rede ich mir ein, und finde, dass Steine schleppen alle Anforderungen erfüllt. Dabei bin ich an der frischen Luft und bewege mich.

Der erste Steinstapel wiegt etwa 1500 Kilo, weil noch ein Stapel zusätzlicher Steine nicht mitgerechnet war, der zweite wiegt nach Aussage des Verkäufers "mehr als eine Tonne" und erweist sich als mindestens ebenso groß wie der erste. Nach sechs Stunden Arbeit - aufgeteilt auf zwei Nachmittage und mehrere Autofahrten - liegen die 3000 Kilo Steine gestapelt vor dem Haus. Mir geht es erstaunlich gut, ich fühle mich fitter als vorher. Sollte man mal in den Apotheken als Tipp bei Erkältungen verraten.

Und dann heißt es: "Eben noch beim Steine schleppen, jetzt auf unserer Showbühne!" Der Casting-Termin in Köln für die Puppenshow ist da. Leider denkt die Erkältung, dass sie da gerne aktiv dabei sein möchte und kehrt verstärkt zurück. Na toll! Ich will mit viel Vergnügen beim Casting dabei sein und habe jetzt eine belegte Stimme, einen dröhnigen Kopf und wegen der eingeworfenen Medikamente eventuell auch ein eingeschränktes Reaktionsvermögen, wie extra auf dem Beipackzettel vermerkt ist. Dass auch meine Konzentrationsfähigkeit deutlich beeinträchtigt ist, merke ich selber. Aber egal. Es ist Castingtag und den zieh ich jetzt durch. Das mit dem Apotheken-Tipp, von wegen Steine schleppen statt Chemie, überleg ich mir aber nochmal.

Das Casting findet in einem großen Hotel statt und ist so, wie ich mir das Casting einer TV-Produktion vorstelle. Name und Nummer aufs T-Shirt kleben, überall laufen lächelnde Mitarbeiter mit Listen herum und führen Bewerber zum Vorgespräch, zum Fotomachen, zum Vorspielen oder zum Interview, und im Wartebereich sitzen wechselnde Puppenspielerinnen und -spieler. Viele davon kenne ich aus diversen Bochumkursen und ich freue mich über die vertrauten Gesichter.

Ich finde es wirklich interessant, nehme alles neugierig mit, versuche meine Stimme mit Getränken und Lutschbonbons in natürlichere Bereiche zu bekommen und glaube, als ich nach zwei Stunden vor der Tür zum Vorspielen stehe, dass ich gerade die ersten Sätze komplett vergessen habe. Immerhin ist meine Reaktionsfähigkeit so weit wieder da, dass ich erstaunlich lässig beschließe, dass ich dann eben irgendetwas improvisiere. Doch dann ist der Text wieder da und nach dem kurzen Ausrichten der Spielleiste geht es auch sofort los.

Während des Spielens merke ich, dass ich an einigen Stellen die Puppen anders halten wollte, anstelle "Ich zeige es dir" "Ich sage es dir" spreche, was inhaltlich keinen Sinn macht, und einmal der Hase "Ah!" sagt, dabei aber den Mund geschlossen hält. Außerdem sitzt mein Finger nicht perfekt in der Mechanik des Bauchredners, so dass ich nicht sicher bin, ob sich der Mund der Puppe richtig bewegt. Was für Fehler mir in dieser ungewohnten Situation alle NICHT auffallen, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich zu Beginn des Spielens plötzlich erfasse, wie toll es aussieht, wenn die Puppen vorne von gleißendem Scheinwerferlicht angestrahlt werden, wenn gebündelte Lichtstrahlen an ihren Konturen vorbei nach hinten ins Schwarze gleiten und wie viel Freude es mir macht, hinter der Spielleiste zu stehen und mit ihnen etwas vorzuspielen. "Hier will ich sein", denke ich und ermahne mich sofort: "Nicht ablenken lassen! Starr nicht verzückt auf das Licht, bleib im Stück! Wie ist der Text?"

Vielleicht habe ich meine Nummer insgesamt ganz gut gespielt, vielleicht grottig schlecht, ich kann es wirklich nicht beurteilen. Aber ich hatte Spaß und fühlte mich während des Spielens wohl, was mir persönlich das Wichtigste ist. In etwa zwei Wochen werde ich Bescheid bekommen, ob ich weiterkomme. Mein Bauchgefühl kann ich nicht fragen, das zuckt nur mit den Schultern und hat überhaupt keine Ahnung, nicht mal eine Tendenz. Aber es ist auch egal. Wenn ich weiterkomme, freue ich mich, wenn nicht, ist auch alles gut. Hey! Ich war mit Puppen bei einem Casting, ich habe endlich angefangen zu spielen! Und es fühlt sich so völlig normal an, weil es sowieso immer ein Teil von mir war.

Beim abschließenden Interview werde ich gefragt, ob ich mich an meinen ersten Puppenauftritt erinnern kann, wie es war vom Einpacken der Puppen bis hin zum Auftritt, und ich lache: "Ja, daran erinnere ich mich sehr gut! Den hatte ich nämlich gerade eben!"

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