Blog 388 - 04.10.2015 - Die Casting-Variante

Im Wohnzimmer steht inzwischen ein Spiegel auf dem Klavier, damit ich vor ihm das Spielen mit dem Hasen üben kann. Ich habe auch einen Paravant als improvisierte Spielleiste, aber sobald ich in perfekter Haltung dahinter stehe, sehe ich vor mir nur schwarzen Vorhang. Das ist natürlich blöd, wenn ich meine eigene Spielweise kontrollieren möchte. Am besten baue ich mir eine Spielleiste, unter der ich durchgucken kann und vor der ein Spiegel steht. Aber macht das die Familie mit, wenn noch mehr im Wohnzimmer steht? Ach, was frage ich. Natürlich macht sie das mit.

Von der Produktionsfirma kommt eine Mail mit den detaillierten Informationen zum Casting. Bis dahin war alles mündlich angekündigt und fröhlich, jetzt wird es ernst. Ankunft, Besprechung, Vorspielen, kleines Interview ... ich überlege kurz, ob ich das wirklich alles so will und grinse plötzlich. Ja, will ich. Jetzt auch richtig. Ich glaube immer noch, dass meine Nummer zu klein und unspektakulär ist, um damit weit zu kommen, aber an mir und meiner Spielfreude soll's nicht liegen.

Kaum arbeite ich an den Details, ruft die Produktionsfirma an und macht vorbildlich das, was jede Bilderbuch-TV-Produktion machen sollte. Sie sagt: "Deine Nummer aus der Bewerbung gefällt uns sehr gut. Aber wir hätten sie gerne etwas anders ...." Etwas anders bedeutet, dass sie sehr, sehr anders wird. Im Prinzip muss ich eine ähnliche Nummer entwickeln, die auf eine andere Art gespielt wird. Ich überlege kurzfristig, ob ich das mitmachen will, denn von der neuen Variante bin ich nicht überzeugt. Das ist doch viel zu durcheinander, wenn da alles .... ach, menno!

Aber während ich noch rumjammer, merke ich, dass meine Hirnzellen schon an der neuen Aufgabe arbeiten und blitzschnell eine Idee zusammenbasteln. Nun gut, dann übe ich jetzt sowohl meine ursprüngliche Nummer, als auch die gewünschte Variante ein, auch wenn ich die für zu verwirrend halte. Während ich bis dahin dachte, dass das Casting ein großer, aufregender Spaß werden wird, kommt jetzt tatsächlich noch Arbeit dazu.

Aber sage ich nicht immer, dass meine Nummer zu unspektakulär ist? Wer weiß, vielleicht entsteht jetzt die Hammer-Nummer? Wenn es allerdings filmreif zugehen sollte, spiele ich die erwünschte Variante beim Casting vor und die beurteilende Jury schüttelt den Kopf, empfindet die geänderte Nummer als zu verwirrend und wirft mich deswegen sofort raus.

In der letzten Woche sah es danach aus, dass sich noch eine Gruppe für die Puppenshow finden könnte, in der ich als Puppenspielerin dabei wäre, aber in dieser Woche wird das gerade beginnende Projekt wegen terminlicher Probleme abgesagt. Schade, das hätte ich gerne gemacht. Aber der Krimi mit Vier-Gang-Menü findet statt, auch wenn die Anzahl der Zuschauer nur knapp über der Anzahl der Mitspieler liegt. Ich bin eine Sopranistin mit Klunkerschmuck und kann endlich mal mein dunkel-smaragdgrünes Abendkleid tragen.

Das macht den Abend noch spannender, denn das Kleid ist aus dem Second-Hand-Shop und ich weiß nicht, ob der inzwischen ältere Stoff nicht schon irgendwo morsch ist. Sicherheitshalber stelle ich mich darauf ein, dass er bei einer plötzlichen Bewegung reißt, um das möglichst souverän ins Spiel einbauen zu können. Aber das Kleid hält.

Blogübersicht nächster vorheriger