Blog 386 - 20.09.2015 - Erste Casting-Stufe, Weihnachten und das hohe C

Es gibt zwischen den regnerischen Herbsttagen noch einige Sonnenstunden und ich freue mich, mal wieder im Garten unterwegs zu sein. In der letzten Zeit hatte ich meistens anderes zu tun oder es regnete. Wie immer werde ich draußen sofort ganz ruhig, meine Termine sind mir plötzlich völlig egal, ich schneide Sträucher, rupfe Unkraut, freue mich über blauen Himmel und eine Blindschleiche auf dem Weg und frage mich, warum ich nicht generell im Garten lebe. Spätestens an kalten Regentagen kenne ich den Grund, aber ich merke immer wieder, dass ich Himmel, Luft und Grün unbedingt brauche.

Meine Bauchrednerpuppe braucht endlich ihre Hände und Füße, und so schnippel ich wieder Schaumstoff, belege den Wohnzimmertisch mit meinen Schneide- und Klebesachen und überziehe den Boden mit kleinen Schnipseln. Was für ein Glück, dass meine Familie das gewohnt ist. Auch die Hasen-Augen sollen noch einen Feinschliff bekommen, und wollte ich nicht noch einen Satz Spielstäbe für meine anderen Puppen bauen? Und Metalleinleger für die Hände?

Zuerst muss aber der Bauchredner fertig werden, denn ich habe nach meiner Bewerbung die erste Stufe der Puppenshow erklommen und bin zum Casting eingeladen. Das wird im Oktober sein und ist noch kein so gewaltiger Schritt, denn zum Casting dürfen vermutlich noch eine Menge von Puppenspielern. Es freut mich aber trotzdem, dass ich nicht gleich bei der ersten Vorauswahl rausgeflogen bin, zumal sich vermutlich recht viele Klappmaulpuppenspieler bewerben. Dass ich bis zum Finale im Januar komme, plane ich gar nicht erst ein, denn dazu ist meine Nummer zu klein und andere Mitspieler kommen sicher mit deutlich besseren oder ungewöhnlicheren Nummern an. Aber darum geht es auch gar nicht. 

Dass ich mit großer Vorfreude - und nur manchmal leichter Panik - auf ein Casting zusteuer, mit meinen Puppen einer Jury vorspielen werde und vielleicht sogar noch auf die nächste Stufe der Auswahl kommen kann, ist alleine schon spannend und großartig. Und selbst wenn ich schnell wieder draußen bin, ist es ein tolles Abenteuer. Hauptsache, ich spiele gut und bin nur raus, weil die anderen Spieler einfach besser sind und nicht, weil ich eine langweilige, schlechte Nummer abliefer. Wie gut ich spiele, liegt dabei in erster Linie an mir. Mein Spaß, die Motivation und die Energie sind inzwischen riesig.

Dann bricht kurzzeitig Weihnachten aus. Mir ist so gar nicht weihnachtlich zumute, im Garten ernte ich noch Himbeeren, Tomaten und Gurken, aber ich zeichne die diesjährige Weihnachtskarte für Wünsch-dir-was, einen Verein, der kranken Kindern Wünsche erfüllt. Für diesen Zweck summe ich dann eben ausnahmsweise mal etwas von fallenden Schneeflocken und stillen Nächten, um mich in eine dezemberliche Stimmung zu bringen. So ganz überzeugt mich die Stimmung nicht, aber ich kann ja auch Piraten auf einer Insel zeichnen, ohne am Meer zu sitzen und ohne irgendeinen Piraten persönlich zu kennen.

Dass mein Leben abwechslungsreich ist, kann ich nicht abstreiten. Ganz nebenbei suche ich noch ein Abendkleid im Schrank, das ich in zwei Wochen bei einer Krimi-Aufführung tragen könnte. Da bin ich eine berühmte Sopranistin, der ein Mordfall das hohe C verschlagen hat. Zum Glück ist das C weg, sonst müsste ich das vielleicht laut vorsingen. So darf ich rollenkonform krächzen und muss nur optisch Sopranistin sein. Dass die kleine Veranstaltung mit Vier-Gang-Menü und Mordfall jetzt erst beworben wird und in zwei Wochen schon läuft, macht es spannend. Werden zwanzig Zuschauer dabei sein, dreißig? Oder vier? Egal, ich übe schon mal: "Mi-mi-mi-miiiiiiih!"