Blog 380 - 09.08.2015 - Unendlichkeit, Emotionen und Abschied

Intensiv-Baukurs im Figurentheater-Kolleg Bochum. Heute ist schon der dritte Tag, aber erst beim nächsten Blogbericht wird der Kurs enden. Es ist eine unfassbar lange Zeit. Wunderbar!    

Auf den Arbeitstischen wachsen die Stapel von abgelegten Sachen an, jeden Tag sieht es in der Werkstatt etwas chaotischer aus. Ich suche mal die Nähnadeln, mal das Cuttermesser, aber meistens weiß ich, ob ich rechts oder links im Berg nachsehen muss. Da für jeden Teilnehmer nur ein halber Tisch zur Verfügung steht, ist der Arbeitsbereich begrenzt. Aber es geht alles, und ich bin sehr glücklich, dass ich mittendrin sitzen und vor mich hin bauen darf. 

Mein Hase bekommt falsche Zähne und gefällt mir damit ausgesprochen gut. Allerdings passen die nicht zu seinem Charakter, war aber auch nur ein Spaß.

Wir schnippeln, schneiden, sägen zu und lernen wie Augen, Zähne und Krallen gemacht werden. Bodo Schulte, der Seminarleiter, kümmert sich um Waschbären, Glühwürmchen, Raumschiffe und Skelette, weiß, wie der Mandrill seine Nase und die illustrierte Figur ihre Dreidimensionalität bekommt. Dass ich immer wieder Kurse von Bodo besuche, liegt an seiner fachlichen Kompetenz, an der Art und Weise, wie er sich individuell auf jeden Teilnehmer und jedes Bauproblem einstellt und nicht zuletzt an seinem Humor. Und natürlich auch, weil ich ihn sehr mag und wir unkompliziert miteinander arbeiten und lachen können.

Tagsüber gießen wir Silikon in Formen, abends auch mal Wein in Gläser. Weil die Weinflasche keinen üblichen Korken hat, arbeiten wir stilsicher mit einem Schraubenzieher. Es wird viel gelacht.

Mein Hase bekommt seine geplante Zusatzfigur, die für mich eine ganz neue Bautechnik bedeutet. Wie öffne ich den Mund, wenn ich meine Hand nicht in den Figurenkopf stecke? Genau dafür ist der Kurs da. Wie funktioniert eine Augenmechanik, wo muss ich Teile verstärkten, wie öffne ich den Mund mit einem Faden.

 

An einem Abend gibt es in der Werkstatt Livemusik. Der Gatte kommt mit Gitarre und spontan spielt einer der Teilnehmer einige Lieder mit. Es wird bis in den späten Abend singend weiter gearbeitet. Wunderbar für die Seele. Großartig der Moment, als während eines Liedes plötzlich die Bandsäge loskreischt, weil schnell etwas gesägt werden muss.

Bei manchen Liedern greifen wir spontan zu den Figuren, stehen auf und lassen sie mitsingen. Als wir nach einer Ballade ganz berührt den Schlusston ausklingen lassen und einige Sekunden Stille herrscht, platzt von der Seite die trockene Information rein: "Hier liegt ein Unterkiefer auf dem Boden", was alle in großes Gelächter ausbrechen lässt. 

Die unendlichen zehn Tage sind ganz schnell nur noch fünf Tage, dann nur noch vier. Haben wir zuerst ständig freudig gestaunt: "Jetzt wäre der normal lange Kurs schon vorbei, und wir sind nicht mal in der Mitte!", werden wir ruhiger und erleben mit Erschrecken, wie schnell die Tage vergehen.

Die Figuren wachsen, das Chaos auf den Tischen wird immer größer und obwohl wir ansonsten nicht von unseren Werktischen wegzubekommen sind, machen wir eine Ausnahme und fahren an einem Abend zu viert zum Purple-Schulz-Konzert nach Erftstadt. Es ist das letzte Konzert mit Schrader, dem Gitarristen, und nach dem schon wunderschönen Werkstattabend mit Livemusik gibt es erneut einen emotionalen Abend mit großem Gelächter und Tränen, der uns alle sehr berührt.

Dann sind die zehn Tage vorbei. Nicht alle Figuren sind komplett, aber alle Teilnehmer haben viel gelernt und können zuhause weitermachen. Die Taschen werden gepackt, erstaunlich schnell ist die Werkstatt aufgeräumt, Fotos von den Figuren und ein Gruppenfoto werden gemacht, die ersten Teilnehmer eilen zur Bahn, der Seminarleiter fährt mit vollgepacktem Auto hupend los, wir winken - und die unendlich lange Zeit ist vorbei. 

Ich fahre nach Hause und habe im Gepäck meinen Hasen, der in der Hand eine Bauchrednerfigur hält, die den Mund öffnen kann. Eine weitere Figur befindet sich im Rohbau. Arbeitstitel: "Frühschwimmer-Dümplerin".

Außerdem habe ich ein glückliches Herz, weil es eine so intensive und schöne Zeit war. Schade, dass sie vorbei ist, aber großartig, dass es sie gab.