Blog 379 - 02.08.2015 - Betreutes Bauen für fortgeschritten Durchgedrehte

"Nee, Leute, ich fahre nach Bochum, das gibt vorher nichts mehr!", informiere ich meine Kinderbuch-Piraten und lasse sie auf der Insel zurück. Sie müssen sich jetzt eine Weile selber beschäftigen, bis ich zurück bin und weiter über ihre Abenteuer berichten kann. Schreiben ist nicht, sattdessen bereite ich alles für meinen Aktiv-Urlaub vor. Nähnadeln, Scheren und Cutterklingen einpacken, Stoffe durchsehen, Plüschhaare auswählen. Es geht wieder ins Figurentheater-Kolleg.

Offiziell heißt der Kurs "Figurenbau aus Schaumstoff und anderen Kunststoffen - Intensivkurs für Fortgeschrittene", aber intern nennen wir ihn auch "Baukurs für Bekloppte". Neun Tage lang werden wir bauen, nähen und mit Pattex kleben, sehr lange arbeiten - es gibt keine zeitliche Beschränkung bei der Nutzung des Werkraumes - viel lachen und zu wenig schlafen. Daran haben nur sehr Begeisterte und ziemlich Durchgedrehte richtig viel Spaß. Ich zum Beispiel.

Wie gut, dass ich in der letzten Woche während der ewig langen Wartezeit im Foyer des TV-Studios alles so gut planen konnte. Jetzt greife ich zielsicher nach den Stoffen, die ich brauchen kann und lasse alle Grün-, Blau- und Rosatöne liegen. Es soll ein Kaninchen werden.

Als ich in Bochum ankomme, treffe ich nicht nur meine beiden äußerst netten Schweizerinnen wieder, es gibt noch andere vertraute Gesicher. Auch Bodo Schulte, mein Wald- und Wiesendozent, oder besser: mein Bau-, Spiel-, Schreib- und Inszenierungsdozent ist mit Kisten voller Material und Werkzeug da. Im Werkraum kommt es mir vor, als hätte ich ihn vor wenigen Tagen erst verlassen. Dass ich mich verzählt habe und erst jetzt merke, dass der Kurs nicht nur lange neun Tage, sondern sogar sensationelle zehn Tage dauert, passt zur freudigen Stimmung.

Da ich schon weiß, was ich bauen möchte, kann ich frühzeitig losschnippeln und aus meinem viereckigen Schaumstoff alles wegschneiden, was nicht zu meinem Hasen gehört. Wie schön, in der vertrauten Kursumgebung, inmitten von kleinen Schaumstoffteilen zu sitzen, die Schere klappert, es riecht nach Pattex, schon nach unglaublich kurzer Zeit sind die Tische mit Plänen, Formteilen, Papier und Schaumstoff überbebelegt, rundherum wird geredet, gelacht, geplant, erklärt - und ich weiß, dass noch eine unglaublich lange Zeit vor mir liegt. 

Erstaunlich schnell komme ich mit dem Hasen voran, der aber auch unkompliziert ist. Den hätte ich locker zuhause bauen können, ohne im "Betreuten Bauen" zu sitzen. Aber er ist nur der erste Teil meiner geplanten Doppelfigur, von der ich erst eine ungefähre Idee habe, wie ich sie bauen könnte. Dazu werde ich mir aber heute schon konkrete Gedanken machen können 

Die beiden ersten Kurstage drehen sich um Schaumstoff, Farben, Rheinländer, Schweizer, Raumschiffe und Formen, der Pattexduft wabert durch die Luft, es gibt Schokolade und viel Gelächter und wir lernen eine Menge. Nicht nur das Musternehmen von Formen und die Umsetzung in verschiedene Größen, auch dass niedliche Sachen in der Schweiz "jö" sind und dass beim Betrachten einer Bilderausstellung die alten, an die Wand gelehnten Paletten die interessantesten Ergebnisse sein können. "Hast du etwas Nettes gesagt?" "Auf Wiedersehen."