Blog 377 - 19.07.2015 - Inselprobleme und Publikum-Material

Die Klappmaulpuppe ist fertig. Der Auftraggeber kommt vorbei, freut sich sehr und spielt noch in meinem Wohnzimmer probeweise los. Ich bin gespannt, was aus den beiden wird. Es ist eine große Liebe, das ist sofort zu merken. Erstaunlicherweise habe ich überhaupt kein Problem, die Puppe abzugeben. Ich habe das Gefühl, dass ich Energie, Zeit und viel Liebe in ihre Entwicklung gesteckt habe, dass das aber nur notwendig war, damit sie jetzt endlich in ihr Zuhause kommen kann. Wenn alles klappt, wird sie demnächst sogar immer mal wieder zu sehen sein. Sobald es da etwas Offizielles gibt, werde ich berichten.

Die Piraten jubeln, als ich endlich wieder vor dem Laptop sitze und auf die Insel komme. Zumindest bilde ich mir das ein, aber viel Phantasie ist für eine Autorin ja ganz gut. Allerdings mühe ich mich selber zuerst ziemlich ab. Ich habe mich gute zwei Wochen vorwiegend um die Klappmaulpuppe gekümmert und bin ziemlich raus aus der Geschichte. Immer wieder muss ich nachlesen, ob ich den Satz vorher schon mal geschrieben habe oder ob so eine ähnliche Szene schon passiert ist. Ich hatte doch schon geschrieben, dass die Lehrerin eine eigene Sicht auf die Benimmregeln hat, oder?? Nein, das war beim Theaterstück so früh, aber im Buch soll es später kommen. Aber in welche Szene wollte ich das reinsetzen? Und hat der französische Pirat schon erzählt, dass seine Familie "links von Paris" wohnt? Es ist keine Schreibblockade, die mich aufhält, es ist ein anstrengendes Wiedereinfinden in die Geschichte. Es hilft nichts, da muss ich durch. Das Leben ist kein Ponyhof. Auch wenn der Blick aus meinem Arbeitsfenster schwer danach aussieht.

Kein Ponyhof ist auch die Aufzeichnung einer Fernsehshow. In den Kölner MMC-Studios wird die "Lars-Reichow-Show" aufgenommen, und ich bin Teil des "Publikum-Materials". Als Material, das später nur das Bild füllen soll, muss man geduldig warten (meistens stehend), wird nur ungefähr über Zeitpläne informiert ("es wird bald losgehen"), irgendwann über das Studiogelände getrieben ("jetzt alle hier entlang"), um dann wieder vor einer geschlossenen Studiotüre zu warten ("es wird bald losgehen"). Im Studio muss man sich umsetzen lassen ("Sie setzen sich bitte nach vorne und Sie tauschen mit dem Paar in Reihe Vier"), für passende Schnittbilder auf Aufforderung klatschen ("jetzt mal einen mittelgroßen Applaus") und am Ende der Aufzeichnung zügig das Studio verlassen ("bitte gehen Sie sofort zur Tür, hier wird jetzt umgebaut").

Erschwerend kommt hinzu, dass es draußen über 30 Grad sind und die Temperatur in den Wartebereichen kaum darunter liegt. Außerdem gibt es zwei Aufzeichnungen, das heißt, dass es nach der ersten Aufzeichnung schon wieder eine elendig lange Wartezeit im Foyer gibt. "Nie wieder MMC-Studios!" murmel ich vor mich hin, weil ich doch noch von früher weiß, dass Publikum-Material dort nur widerspruchslos zu funktionieren hat und irgendwo abgestellt wird, bis es gebraucht wird. Als das erste Material während der Wartezeit flüchtet, - eine Alternative, die ich mir auch schon überlege, dann aber zähneknirschend verwerfe, weil ich die zweite Show mit Lars Reichow jetzt noch sehen möchte -, reagieren die "Material-Organisierer" fast aufgeregt, geben Sprudelflaschen und kleine Chipstüten aus ("es gibt Getränke und einen kleinen Snack") und versprechen Eis. Das kommt dann doch nicht, stattdessen heißt es: "Es geht gleich wieder los."

Für zwei kleine, später halbstündige Shows befinde ich mich mehr als fünf Stunden lang im Gebäude, davon sind mehr als drei reine Wartezeit ohne jede Beschäftigung. Im Garten mit Tee und einem Buch könnte ich wunderbar drei Stunden verbringen, in einem überhitzen Foyer ist es nervig. Die Shows sind ganz OK, es sind eher Talkshows, in denen - was ich mag - mehr als drei Sätze gewechselt werden und Zeit für ein Gespräch ist. Lars Reichow finde ich sowieso klasse, auch wenn er in den Shows nicht viel singt und sich im Gesprächsteil sehr zurücknimmt, um den Gästen Platz zu lassen. Die Gäste sind alle nett, aber es ist schwierig die Eine (Verona Poth) zu stoppen ("ich rede immer viel und weiß alles besser und rede am Stück immer weiter") und mit der Anderen (Sabine Lisicki) ins Gespräch zu bekommen ("Ja").

Zum Glück gibt es jeweils einen den Wortfluss ergänzenden Gast dazu. Bei Verona Poth ist es ein strubbeliger Typ, den ich nicht kenne und dessen Namen ich vergessen habe, - ich tippe auf angesagten Moderator -, der sich gut unterhalten könnte, aber von Verona gerne mal unterbrochen wird. Bei Sabine Lisicki ist Oliver Pocher dabei, der Gags für zehn raushaut. Manchmal weit über den guten Witz und unüberlegt über jedes Feingefühl hinaus, aber dazwischen auch sehr treffend und genau richtig. Ich lache jedenfalls mehrfach vergnügt los und freue mich über seine Schlagfertigkeit. Bei Verona lache ich auch oft amüsiert los, da aber meistens, wenn sie es gar nicht witzig meint. Aber nichts gegen Verona. Die ist schon sehr charmant, so wie sie ist.

Die Lars-Reichow-Show wird im ZDF-Programm gesendet. Folge 1 schon in der nächsten Woche, am Dienstag, 21.7., um 23:15 Uhr, Folge 2 eine Woche später um 23:30 Uhr. Die optimalen Sendezeiten versprechen Rekord-Einschaltquoten. Und im Hintergrund sitze irgendwo ich als optisch perfekt eingepasstes Publikum-Material.

Nachtrag: Der strubbelige Typ heißt Lutz van der Horst. Zuhause wusste ich nicht mehr, ob er Lutz oder Horst hieß, war dann aber beides. ;-)