Blog 373 - 21.06.2015 - Akt Eins und A-cappella

Ich bin unterwegs zur Goldinsel. Das war ich schon mal und es ist alles noch sehr vertraut. Vor drei Jahren überlegte ich, was in dem Theaterstück alles passieren könnte. Jetzt weiß ich es, habe aber zwei Personen aus der Geschichte rausgeworfen, so dass sie eine andere Auflösung bekommen wird. Immer mal gucke ich ins Textheft, um einige Szenen zu übernehmen, schreibe aber weitgehend neu. Die Charaktere sind jetzt stärker ausgearbeitet und der Begriff der "Fallhöhe" aus dem Dramaturgie-Seminar hat dazu geführt, dass ich dem Hauptdarsteller bewusst noch mehr Druck mache.

Mir fällt auf, dass ich jetzt länger im Schreibprozess bin und nicht mehr so spontan entscheide. Ich streiche auch viel häufiger gerade erst geschriebene Wörter und ganze Szenen und schreibe sie anders. Momentan habe ich noch das Gefühl, dass es dem Stück gut tut und ich interessanter und zielgerichteter schreibe. Auf jeden Fall macht es mir sehr viel Spaß und ich weiß gar nicht mehr, warum ich vorher unsicher war, ob ich die Umarbeitung vom Theaterstück zum Buch schaffe.

Immer noch würde ich es einfacher finden, eine völlig neue Geschichte zu erfinden, denn da könnte ich die Phantasie frei laufen lassen und mich selber überraschen. Aber warum sollte ich mich vor Unannehmlichkeiten und Anstrengung drücken, wenn am Ende eine schöne Geschichte steht? Da muss ich eben einfach mal durch. Nach den ausführlichen Vorarbeiten und Notizen befinden sich am Ende der Woche alle Mitwirkenden auf dem Schiff und kommen auf der Goldinsel an. Der erste Akt ist fertig. Jetzt beginnt Akt 2.

Unerwartet bekomme ich auch meinen ersten Bau-Auftrag für eine Klappmaulpuppe. Termin: Möglichst bald. Also zeitlich total unpassend. Eine Klappmaulpuppe zu bauen, ist kein Problem für mich und für diesen Auftraggeber mache ich das auch liebend gerne. Die Herausforderung ist, dass die Puppe dem Auftraggeber ähnlich sein soll. Ob das Ergebnis optisch so wird, wie ich es gerne haben möchte, ist die große Frage. Vielleicht bin ich selber auch einfach zu kritisch. Im Juni werde ich aber erstmal nur am Kinderbuch schreibe und erst im Juli unterbrechen, um die Puppe zu bauen. Denke ich. Aber dann merke ich, wie die Puppe schon im Kopf herum springt und mich beschäftigt. Da werde ich wohl in der nächsten Woche den Schaumstoff und das Cuttermesser aus meinen wohlgeordneten Kisten holen und einen ersten Versuch machen.

Am Wochenende gibt es ein Wise Guys Konzert in Fröndenberg, etwa 130 Kilometer von mir entfernt. Vor zwanzig Jahren hatten sie dort ihr erstes "Auswärts-Konzert" außerhalb von Köln, vor zehn Jahren war ich als eine Art "ständige Mitarbeiterin" beim zehnjährigen Jubiläum dabei, und jetzt möchte ich gerne auch das diesjährige Jubiläum miterleben. Es ist ein Kirchenkonzert, was mir besonders gut gefällt, weil das Singen im Vordergrund steht und die Show auf ein Minimum reduziert ist. Es ist nicht so, dass ich Show nicht mag, aber die A-cappella-Wise Guys haben mich damals sofort fasziniert und berühren mich auch heute noch.

Das Kirchenkonzert hat in der Atmosphäre viel von den früheren Wise Guys Konzerten, und sobald "Oldies" gesungen werden, habe ich Bilder von den damaligen Konzerten, Videoaufnahmen und besonderen Situationen im Kopf. Da überlagern sich die jetzigen Wise Guys auf der Bühne nahtlos mit denen von vor zehn oder fünfzehn Jahren. "Jetzt ist Sommer" ist inzwischen ein Oldie, der in der Kirche wunderbar entspannt gesungen wird. Ich sehe gleichzeitig vor mir, wie Dän damals mit einem Abspielgerät zur Choreographieprobe kam und die fertige Aufnahme zum ersten Mal vorspielte. "Das wird was!", dachte wir da alle sofort freudig.

Es ist ein sehr schöner Abend mit einem wunderschönen Konzert, auch wenn der Hall der Kirche für zwei Konzerte gereicht hätte. Da die Wise Guys aber am Nachmittag schon ein Konzert in der Kirche hatten, hätte der Klang dementsprechend für vier gereicht. Das aber nur nebenbei erwähnt. Das letzte Zugabelied "She" erzeugt mit genau diesem Hall, fünf wunderbar aufeinander abgestimmten Stimmen und einer perfekten Dynamik Gänsehaut.