Blog 370 - 31.05.2015 - Kinderbuch-Zögern und ein Affe im Felsen

Manchmal vermute ich, dass meine Aufräumaktion so endlos ist, damit ich nicht mit dem Kinderbuch loslegen kann. Vielleicht bin ich innerlich unsicher, ob ich das Piraten-Theaterstück wirklich in ein schönes Kinderbuch umsetzen kann und tue alles, um gar nicht erst daran zu arbeiten. Die Umarbeitung ist jedenfalls viel schwieriger als einfach etwas ganz Neues zu schreiben. Außerdem ist mir inzwischen klar, dass ich nicht nur zwei Personen raus werfe, sondern auch inhaltlich einiges ändern möchte und dementsprechend einige Vorarbeit habe, um Handlungen und Reaktionen der Personen wieder logisch ineinander fließen zu lassen. Aber immer, wenn ich ernsthaft überlege, ob ich es mit der Piratengeschichte lieber sein lasse, habe ich ein so bedauerndes Gefühl im Bauch, dass das nicht die richtige Entscheidung sein kann.

Demnächst werde ich mich hinsetzen, die Geschichte aufbröseln, neu strukturieren, die Charaktere genau definieren und dann vermutlich wissen, ob ich sie schreiben möchte. Momentan weiß ich nicht mal, ob die Hauptperson ihren Namen behalten wird. John Bellingham - ein wunderbarer Piratenname, aber aus welchem Grund ist der eigentlich englisch? Und warum gibt es mehrere Mädchen, aber keinen Jungen an Bord? Will ich das aus Gleichberechtigungsgründen ändern oder lieber das Ungleichgewicht behalten? Dass in meinen Geschichten niemand eine Brille trägt liegt übrigens nur daran, dass meine gezeichneten Brillen immer unvorteilhaft blöd aussehen, wenn sie mit schwarzer Tusche in ein Gesicht gemalt sind. 

Am Ende der Woche fahre ich zu einem Schnupperkurs im Steinhauen nach Weibern, am Rand der Eifel. Ytong habe ich vor einigen Jahren gemacht, jetzt möchte ich gerne mal mit Tuffstein arbeiten und das Ergebnis nachher idealerweise in den Garten stellen. Mein Ehrgeiz ist allerdings gesund gebremst. Wenn am Ende etwas Aufstellbares heraus kommt, ist es prima, wenn ich mich verhaue und alles nichts wird, ist es auch gut. Ich möchte einfach vor mich hin klopfen, das Material kennenlernen und zwei staubige, sehr entspannte Tage haben.

In Weibern gibt es den Steinhauer-Verein, der sehr engagiert das alte Steinmetz-Handwerk lebendig erhält und zweimal im Jahr begehrte Wochenendkurse anbietet. In früheren Zeiten lebte der ganze Bereich von der Arbeit in den Steinbrüchen, inzwischen gibt es kaum noch Steinmetze. Die meist über siebzig-, zum Teil schon achtzigjährigen Betreuer im Steinhauer-Verein, die an ihren weißen Hemden und schwarzen Westen sofort zu erkennen sind, haben einen riesigen, unersetzlichen Schatz an Wissen und Erfahrung. Sie können aus krummen Steinen viereckige, glatte Würfel hauen, was mich sehr an das Arbeiten mit Schaumstoff erinnert, wo wir zu Übungszwecken aus einem viereckigen Würfel einen runden Ball schnitzen mussten. Das Prinzip ist ähnlich, nur das Material deutlich anders.

Im Vorfeld überlege ich, dass ich einen kleinen Jungen oder Prinzen auf einem viereckigen, glatt behauenen Sockel sitzen haben möchte. Er soll Ruhe ausstrahlen und ziemlich romantisch wirken. Schon beim Aussuchen des Tuffsteins aus einem Berg von vielformigen Steinen ändere ich spontan auf einen krummen Naturstein. Der ist so schön, dass ich den Jungen statt auf einen Sockel lieber auf einen kleinen Felsen setzen möchte.

Vorsichtig beginne ich mit dem Wegschlagen. Schon nach kurzer Zeit erkenne ich, dass kein kleiner, romantischer Prinz, sondern ein zwar kleiner, aber eher breiter Affe im Stein sitzt. Soll ich mehr wegschlagen, damit es doch noch ein magerer Prinz wird? Ach nein, wenn ein Affe raus will, dann werde ich ihn nicht hindern.

Am Abend ist der Affe fast fertig und in mir machen sich eine Menge Muskeln und Gelenke deutlich bemerkbar, die ich sonst nur selten nutze. Ist ganz schön anstrengend das Steinmetz-Handwerk, auch wenn die Weiberner Steinmetze uns neben Tipps und Erklärungen auch reichlich mit Pizza, Kuchen und Kaffee versorgen.

Am nächsten Tag mache ich den Affen fertig und habe sogar noch einige Stunden Zeit, um einen weiteren Stein zu beginnen. Der soll ein altmodischer Wegweiser für meinen Garten werden.  

Als der Kurs beendet ist, habe ich einen fertigen Affenfelsen und einen fast fertigen Wegweiser im Auto liegen, staube selber mehr als die Steine und bin glücklich. Was für ein rundum schönes Wochenende! Das würde ich im nächsten Jahr gerne wieder haben.