Blog 368 - 17.05.2015 - Weihnachtsmann, Skelette und eine Werkschau

Was ich so alles mache, das wundert mich selbst. Diesmal bin ich als Fotografin unterwegs. Ein Freund fragt, ob ich einige Pressefotos für ihn machen kann und organisiert dafür extra eine gut beleuchtete Bühne. Als Fotografin sehe ich mich nicht, aber für ein paar kleine Fotos wird es schon reichen, denke ich. Und so kommt es, dass ich an einem herrlichen Sommertag in einem dunklen Theater stehe und bei strahlendem Scheinwerferlicht einen spärlich bekleideten Weihnachtsmann fotografiere. Es gibt immer wieder so schön schräge Erlebnisse. Nach dem Fotografieren gehe ich mit dem Weihnachtsmann noch gemütlich ein Eis essen, da ist er aber schon wieder normal bekleidet, so dass wir in der Öffentlichkeit nicht weiter auffallen.

Der Gatte fährt gegen Ende der Woche mit den Wise Guys zum Kreativ-Block und ich freue mich seit Wochen auf die freien Tage. Die will ich bewusst nur für mich nutzen und muss nur noch entscheiden, ob ich eine Klappmaulpuppe bauen oder lieber am Kinderbuch schreiben möchte. Doch beim Blick in mein immer noch unaufgeräumtes Arbeitszimmer ändere ich die rosigen Pläne. Ich werde aufräumen. Erst wenn das Arbeitszimmer fertig ist, kann ich wirklich entspannt und kreativ arbeiten. Außerdem finde ich dann auch hoffentlich alles wieder, wonach ich jetzt ständig suche.

Damit ich nicht einfach unbeschwert mit dem Sortieren und Aufräumen beginne, baue ich vorher noch ein Regal. Das macht die Sache etwas komplizierter, dafür werde ich nachher schneller aufräumen können. Die Schubladen für das Regal habe ich schon. Es sind alte Museumskisten, die ich mal ersteigert habe. Sie tragen manchmal Aufschriften wie: "Grab 187 - Knochen", "Frechen, römische Keramik" oder "St. Peter. Menschliche Skelettteile". Es ist aber nichts mehr drin.

Das Regal soll natürlich schnell gebaut sein, möglichst wenig kosten, toll aussehen und sehr stabil werden. Hohe Ansprüche für etwas, das von mir im "Ach, mach ich einfach mal so. Wird schon gehen"-Prinzip geplant und geschraubt wird. Ich messe, überlege, skizziere, rechne und lasse mir dann im Baumarkt mutig Holz zurechtsägen. Die vielen gestapelten Holzteile auf dem Einkaufswagen sehen aus wie ein Riesenbausatz von IKEA. Leider ohne vorgebohrte Löcher und idiotensichere Aufbauanleitung. Auf dem Weg bis zum Auto sprechen mich nacheinander drei gestandene Heimwerkermänner beeindruckt an mit: "Ui, da haben Sie sich ja was vorgenommen!", "Na, dann, schönes Wochenende!" und "Oh, weia!" Das denke ich im Übrigen auch. Was ist, wenn ich mich verrechnet habe? Logik war noch nie meine Stärke.

Zuhause streiche ich die Frontseiten der Kisten mit Vorstreichfarbe und behalte dabei die Aufschriften und Zettel unversehrt auf den Rückseiten. Das wäre doch zu schade, wenn die überstrichen würden.

Dann schraube ich Regalbretter zusammen. Der Platz unter dem schrägen Dach ist eng, der Fußboden nicht ganz gerade und mir fehlen mindestens zwei Hände, denn zwei Bretter im rechten Winkel halten, die Schraube ansetzen und den Akkuschrauber betätigen, ist für nur ein Paar Arme eine fordernde Angelegenheit. Bis die ersten Bretter fest verbunden sind, dauert es ganz schön lange. In diesem Tempo brauche ich mindestens drei Tage nur für das Zusammenbauen, denke ich frustriert.

Doch nach einer Weile bin ich drin und es geht es relativ schnell. Wobei "relativ schnell" dann doch Stunden bedeutet. Es wird auch alles nicht so gerade und exakt wie ich es haben will, aber weil die Kisten auch krumm, schief und nicht einheitlich sind, wäre ein exaktes Regal ein Stilbruch, befinde ich und überzeuge mich mit dieser Logik sofort. Je nachdem, um was es geht, bin ich also doch logisch.

Am Nachmittag steht das Regal und ich streiche es sofort mit Vorstreichfarbe. Die Frontseiten der Kisten bekommen danach schon ihren glänzenden Endanstrich. Während alles trocknet, fahre ich zu einem weiter entfernten Baumarkt, der 25 meiner gewünschten Schubladengriffe vorrätig hat und die fehlenden nicht erst bestellen muss. Am Abend bin ich zurück und kann sogar das Regal noch endstreichen und dann die Schubladengriffe an den Kisten festschrauben. Im Regal stecken fast 200 Schrauben und für die Schubladengriffe brauche ich weitere 100.

Am nächsten Morgen habe ich Muskelkater. Überall. Ich schiebe das Regal bis an die Wand, setze die Schubladen ein und fertig ist mein Museums-Kisten-Schubladen-Schrank. Nicht perfekt, aber stabil und demnächst voll mit Illustrationen, Texten, Ideen und Archiviertem. Und irgendwie sieht er aus, als würde er schon seit mindestens fünfzig Jahren an dieser Stelle stehen. Wenn spätere Generationen mal die Kisten komplett herausziehen und die Rückseiten lesen, werden sie sich entsetzt fragen, was ich in diesem Schrank wohl in Wahrheit gesammelt habe.

Bevor es mit Schwung ans Einräumen geht, fahre ich mit noch leichten Farbresten an den Fingern ins Bochumer Figurentheater-Kolleg und sehe mir eine Werkschau an. Der zweiwöchige Inszenierungskurses von Bodo Schulte ist beendet und präsentiert Ausschnitte aus den Ergebnissen. Den Kurs hätte ich gerne mitgemacht, aber der Zeitraum passte so gar nicht. Leider, aber hin und wieder bin ich dann doch vernünftig und mache nicht alles, was ich will. 

Das Ansehen der sehr vielfältigen Bühnenvorführungen macht aber gleich wieder so viel Spaß aufs Stücke entwickeln und spielen, dass ich beim nächsten Mal dann doch gerne dabei wäre. Der Frosch, der ein Prinz wurde, wartet doch geradezu darauf, als Stück auf die Bühne zu kommen.