Blog 367 - 10.05.2015 - Tropenwald, Lars Reichow und die Müllverbrennung

Im Garten kann ich fast zusehen, wie alles wächst. Bei einigen Stellen denke ich schon an Tropenwald und erwäge die Anschaffung einer Machete. Immer wieder bin ich draußen, freue mich über das viele Grün und merke, dass ich gerade im Frühjahr viel Zeit dort verbringen muss. Wenn ich sage, es erdet mich, denke ich an esoterische Frauen in wallenden Gewändern, aber da ich mit verdreckten Jeans durch den Garten stapfe, wallt nichts und einen spirituellen Erkenntnisweg finde ich in all dem wuchernden Grün erst gar nicht. Will ich auch nicht. Ich möchte nur einen schön zugewachsenen Garten haben.

Die viele Zeit im Garten tut mir gut. Ich schleppe Kübel, arbeite mit der Spitzhacke, schleppe alte Äste durch die Gegend und erhole mich dabei. Auch das Gärtnern ist ein kreativer Prozess, der auch noch ständig Überraschungen bringt. Zum Beispiel meinen Maulbeerbaum, der sein anhängendes Schild "wächst bis zu 2 Metern hoch, auch als Hecke geeignet", selber vermutlich nicht gelesen hat und inzwischen etwa sechs Meter hoch ist. Einfach machen, was man will, und das als einfacher Maulbeerbaum - wie klasse. Ein kleiner Held. Beziehungsweise ein großer.  

Einen meiner Lieblings-Skurril-Abende des Monats, ach was, des Jahres erlebe ich, als ich zu einem Abend mit Lars Reichow gehe. Und das liegt nicht an Lars Reichow. Es ist das Ringsherum, denn unter der Überschrift "Treff am Ofen" veranstaltet die Kölner Müllverbrennungsanlage Kleinkunstabende. "Künstler hautnah in besonderer Atmosphäre erleben." Die Ankündigung von Lars Reichow neben dem Müllofen finde ich so seltsam, dass ich unbedingt dabei sein möchte.

Kaum bin ich am Veranstaltungsort angekommen, schreibe ich dem Gatten eine kurze SMS, die bei ihm große Heiterkeit auslöst. "Bin in der Müllverbrennung". Vermutlich lässt sich seine Reaktion auch mit unserer langjährigen Ehe erklären, jedenfalls ruft er höchst amüsiert zurück und die glucksende Freude über das Gelesene ist noch deutlich in seiner Stimme zu hören. Im Foyer ist eine Kunstausstellung zu sehen, für die ich vermutlich nicht intellektuell genug bin. Bei den meisten Bildern denke ich spontan: "Das könnte ich auch. Aber ich würde mich nicht trauen, so was auszustellen." Nur ein Bild gefällt mir auf Anhieb. Es ist unten grün, oben blau und der Farbverlauf ist sehr harmonisch. Mehr ist nicht darauf zu sehen, aber das ist immerhin recht hübsch. Neugierig gucke ich auf seinen Titel. "Farbverlauf". Ah ja. Ich grinse vor mich hin.

Vor der Veranstaltung wird eine Führung durch die Restmüllverbrennungsanlage angeboten. Auf die Idee wäre ich alleine nicht gekommen, aber warum nicht? Wer weiß, wann ich die Müll-Kenntnisse mal brauchen kann. Mit leuchtorangefarbenen Westen und knallgrünen Plastikhelmen ausgestattet, sammeln wir uns im Foyer. Aus der unteren Etage ist laut und hallig der Soundcheck zu hören, Lars Reichow spielt am Flügel und singt dazu. Ich stehe mit grünem Helm auf dem Kopf am Rand der Gruppe und lächel vor mich hin, weil ich immer lächel, wenn ich ihn singen höre. Vor uns übertönt die Führungsleiterin seine sanft singende Stimme mit einem lauten: "Ich freue mich, dass Sie sich vor dem Künstler auch die Verbrennungsanlage ansehen wollen." Was für ein Satz! Aus meinem verträumten Lächeln wird ein breites Grinsen.

Die einstündige Führung ist recht interessant, auch wenn mir am Ende seltsam vorkommt, dass aus dem ganzen Müll nur wunderbare Energie, wertvolle Reststoffe und extrem gute Luft werden. Mit ein paar Müllverbrennungsanlagen mehr, könnte Köln glatt Luftkurort werden. Drei Bilder bleiben mir im Kopf: Die wirklich gigantische Halle mit Restmüll, in der ein riesiger Greifer in den Müllberg packt und mehrere Tonnen Müll nach oben zieht. Einzelne Teile, die zwischen den Greifarmen heraus fallen, segeln anscheinend wie in Zeitlupe nach unten, weil die Wege, die sie fallen, so unglaublich lang sind. Gewaltig. Im Überwachungsraum gibt es Monitore, von denen vier die Flammen der Öfen zeigen, was mich an Kaminfeuer-DVDs für den Fernseher erinnert. Von den Herren, die davor sitzen, hat einer sogar, passend zum prasselnden Kaminfeuer, Flips auf dem Tisch stehen. Er traut sich aber nicht davon zu essen, während die Besuchergruppe hinter ihm steht. Das dritte Bild ist am seltsamsten. Wir gehen am Ende der Führung durch eine riesige Halle voll mit Kabeln, Öfen und Rohren, die durch Treppen und Laufgänge über mehrere Etagen miteinander verbunden sind. Alles ist penibel aufgeräumt und macht einen durchorganisierten Eindruck. Mitten auf dem hellen, gekachelten Boden liegt eine einsame, verlorene, etwa 2 cm große Schraubenmutter. Wo fehlt die? Wie konnte das in dieser perfekten Welt passieren? Und wieso kickt die Dame der Öffentlichkeitsarbeit sie nicht im Vorbeigehen unauffällig unter eine Maschine?

Lars Reichow spielt in der Müllverbrennung (Komplett fiktive Darstellung)


Sehr amüsiert über diese ungewöhnlichen Eindrücke sitze ich danach in der zum Theaterraum umgestalteten Kantine. Ein paar kleine Scheinwerfer, eine schwarz abgehängte Rückwand, zwei magere Ständer mit Lautsprecherboxen und ein Flügel. Ich mag kleine, improvisierte Spielorte, auch wenn ich mir bei "Treff am Ofen" etwas Spektakuläreres vorgestellt hatte. Aber Lars Reichow und ein Flügel reichen, um mir einen tollen Abend zu machen, da brauch ich nicht noch einen bollernden Müllbrennofen daneben. Ein vermutlich hausinterner Fotograf klackt und blitzt aus wechselnden Positionen ziemlich viele Minuten störend herum, bis Lars Reichow im Erzählen irritiert abbricht und dem Publikum entschuldigend sagt: "Es werden noch einige Fotos gemacht." Er macht eine kurze Pause und setzt lakonisch hinterher: "Etwa tausend", was lautes Gelächter auslöst und den Fotografen endlich stoppt.

Ich habe viel Spaß am "Freiheit"-Programm, auch wenn ich es schon kenne. Aber es sind immer wieder neue Wendungen dabei, wunderbare Formulierungen, und auch wenn ich das Ziel der Nummer kenne, freue ich mich strahlend über den Weg dorthin. Ich lache über die Erzählungen, ich versinke in der schönen Singstimme, und manchmal bleibt mir das Lachen im Hals stecken, weil es so ernst, so traurig oder so berührend ist. Eingestreute Bemerkungen über Müll und Mülltrennung passen perfekt, und als Lars Reichow in einem Nebensatz bemerkt, dass der ganze Raum wegen der Nähe zur Müllverbrennung kontaminiert sein könnte, platzt mir ein lauter Lacher heraus, weil ich vorher eine Stunde lang in immer neuen Wiederholungen gehört hatte, wie sauber, rein und schadstofffrei alles sei. Die Vokabel "kontaminiert" im Zusammenhang mit dem Gebäude müsste die Leiterin der Führung in eine sofortige Ohnmacht sinken lassen. Da ich keinen erstickten Aufschrei höre (außer meinem eigenen spontanen Auflachen), gehe ich davon aus, dass sie nicht im Raum ist. Vielleicht leitet sie gerade die Untersuchungen zur einsamen Schraubenmutter.

Auf dem Nachhauseweg bin ich sehr gut gelaunt. Was für ein wunderbar seltsamer Abend mit kuriosen Eindrücken, einem beruhigend vertrauten Lars Reichow und einer schönen Vorstellung mit gutem Publikum. Das Leben kann schön schräg sein und ich genieße das sehr. Lars Reichow kann ich sowieso sehr genießen, ganz unabhängig von den Orten, an denen er auftritt.