Blog 366 - 03.05.2015 - Luft holen und raus ins Grüne

Am letzten Sonntag ist der letzte Tag der örtlichen Lesewoche zum Thema "Wege der Freundschaft". Meine wilde Mischung aus Kinderbuchschnipseln kommt gut an, was wohl auch daran liegt, dass alle paar Minuten das Buch wechselt und es darum gar nicht langatmig werden kann. Von der Mitternachtsparty mit Hanni und Nanni geht es zu dem Moment, an dem Winnetou das erste Mal "mein Bruder" zu Old Shatterhand sagt, über alte Paarreime aus den Lurchi-Salamander-Heften bis hin zu Emil und den Detektiven. Da kommen bei den Zuhörern viele Erinnerungen hoch und ich sehe in lachende Augen.

Nach meiner Lesung folgt sofort die lockere Abschlussveranstaltung und danach habe ich frei. Mir ist schon vorher klar, dass die zeitaufwändige Vorbereitung der Lesung NACH der Lesung vorbei sein wird. Aber ich habe nicht realisiert, dass die Fenster inzwischen eingebaut sind, das Wohnzimmer wieder wohnlich ist, in der Küche zwar noch Kisten stehen und im Flur Werkzeug liegt, aber in meinem Kalender nur noch wenige feste Termine vermerkt sind. Ich hole tief Luft und merke, dass die letzten Wochen doch ziemlich stressig und arbeitsreich waren. Es muss noch einiges sortiert und geräumt und vor allem mein Arbeitszimmer komplett aufgeräumt werden, aber das Schlimmste ist geschafft.

Nachdem ich in früheren Jahren ausgerechnet im Frühling oft langwierige Schreib-, Illustrations- oder Videoprojekte hatte, habe ich mir vorgenommen, den April und möglichst auch den Mai von größeren Projekten frei zu halten. Es ist die Zeit, in der im Garten viel zu tun ist und in der das am meisten Spaß macht. Das will ich nicht verpassen und vor allem dann nicht an Projekten für andere Leute arbeiten. Alles wächst im Garten, jeden Tag kommen neue Pflanzen aus der Erde und meine großen Pläne sehen alle noch so aus, als ob sie funktionieren könnten. Spätestens im Sommer, wenn die Brennnesseln wieder schneller wachsen als ich gucken kann und die Sonne zarte Pflanzträume einfach wegtrocknet, streiche ich einige der optimistischen Frühlingsideen wieder weg oder schiebe sie ins nächste Jahr.

Dass ich mir selber den Fenstereinbau in den April gelegt habe, war ein Versehen, weil die Fensterfirma deutlich schneller lieferte als geplant. Da wäre es ja blöd gewesen, die neuen Fenster bis zum Juni an die Wand zu lehnen. Aber jetzt bin ich erstmal weg. Raus aus dem Terminplan und dem Renovierstaub, in aller Ruhe Kisten sortieren, zwischendurch im Arbeitszimmer aufräumen und immer wieder gärtnern. Buchsbaum schneiden, Erde graben, Erbsen aussäen, Himbeeren gießen - und Luft, Erde, Regen und Sonne riechen, Vögel hören, Eichhörnchen beobachten, Blindschleichen finden.

Ich mache sozusagen Urlaub auf dem Land, werde nicht durchgehend erreichbar sein und mal wieder ganz runterkommen. Könnte ich in der Stadt und ohne Garten eigentlich so glücklich und zufrieden sein? Ich glaube nicht. Vor allem könnte ich mich nicht jetzt schon darauf freuen, dass ich bald unter dem Kastanienbaum sitzen und am neuen Kinderbuch schreiben werde.