Blog 363 - 12.04.2015 - Erdschichten und Rückenansicht

Immer noch ist das Verputzen rund um die neuen Fenster dran. Als ich an den beiden letzten Fenstern die überstehenden, grünen Bauschaumreste mit einem scharfen Cuttermesser abschneide, gucke ich wehmütig. Mit genau diesem Messer schnippel ich sonst an Schaumstoffstücken herum und baue damit Klappmaulpuppen. Wie viel lieber würde ich das jetzt machen! Aber ich bleibe tapfer bei der ursprünglichen Arbeit und verspachtel dann die Fensterränder. Es muss ja fertig werden.

Im Garten, der gerade so warm und frühlingshaft ist, dass ich von ganz alleine raus hüpfe, ehe er rufen muss, habe ich einen mittelgroßen Hügel im Blick. Der begann vor mehr als zehn Jahren zu wachsen, weil ich abwechselnd Äste, Erde und Kompost aufeinander geworfen habe, um das Zeug aus dem Weg zu haben. Inzwischen ruht er vor sich hin und ich habe ein mit Brennnesseln bewachsenen Ungetüm, das alle Blicke auf sich zieht. Aber nicht, weil es so schön ist. 

Als erfahrene Gärtnerin weiß ich, dass Äste in der Erde innerhalb weniger Jahre bis auf kleine Reste verrotten und ich jetzt einen großen Berg Mutterboden vor mir habe. Beim Abtragen des Hügels merke ich, dass es nicht so ist. Zum Teil liegt der Astschnitt seit vielen Jahren trocken und darum völlig unverändert zwischen Erd- und Blätterschichten. Besonders die vor Jahren abgeschnittenen Bambusteile sind wie neu.

Zwischen Erde und Ästen stecken Sachen, die ich in der Küche einst vermisste, und die vermutlich ungewollt mit dem Kompost auf dem Berg gelandet sind. Den Stopfen von der Spüle zum Beispiel, einen Kartoffelschäler, ein Küchenmesser, zwei Teesiebe. Der Plastikesel von Duplo, Glasmurmeln und ein kleines Glas Orangenmarmelade wurden vermutlich von meinen Kindern vor einigen Jahren stationiert. Ein Molch und zwei Blindschleichen sind alleine dort eingezogen.

Ich fühle mich wie in der Archäologie. Als Wissenschaftlerin würde ich mich freuen, wenn ich so gut erhaltene Stücke aus längst vergangenen Zeiten trocken und völlig unverändert ausgraben könnte. In meinem Fall ist das anders, denn anstatt wunderbaren Mutterboden mit Schwung in der Gegend zu verteilen, muss ich den Hügel aufwändig auseinander bröckeln und alles trennen in "Erde", "Äste", "Brennnesselwurzeln", "Müll" und "Blindschleichen & Molche".

Aber es geht voran und am Ende der Woche habe ich an anderer Stelle einen neuen Hügel, der diesmal nur aus Ästen besteht, die demnächst gehäckselt werden müssen, und ein neu gerodetes Stück Garten. Dort habe ich endlich Platz für einige Himbeer- und Johannisbeerbüsche, die ich auch sofort kaufe und einsetze. Ab jetzt habe ich einen kleinen Beerengarten. Das hat sich gelohnt, finde ich, zumal der auch optisch eine deutliche Verbesserung zum verwilderten Brennnesselberg ist.

Spontan ersteigere ich auch noch eine weitere Schlossparkfigur, die beste Voraussetzungen hat, als Vogeltränke zu dienen, weil sie eine Schüssel auf dem Kopf balanciert. Der Anblick von hinten, den jeder Gartenbesucher zuerst hat, ist auch nett. Allerdings ist es jetzt erstmal genug mit weißen Steinfiguren, sonst wird mir das zu kitschig.