Blog 362 - 05.04.2015 - Wechselnde Arbeitsbereiche und Sherlock Holmes

Meine Arbeitsbereiche wechseln in dieser Woche ständig. Ich starte als Journalistin und schreibe einen Bericht über Hans-Hermann Thielke und sein Programm. Dann werde ich zur Gartenausstatterin und hole in dieser Eigenschaft eine alte Steinfigur für den Garten ab. Weil ich noch nicht weiß, wo sie dort endgültig stehen soll, erhält sie ihren Platz erstmal im Gemüsefeld, denn da ist momentan Platz, bevor ich wieder als Gärtnerin aktiv werde.

Die neu eingebauten Fenster müssen ringsherum verputzt werden, so dass ich mit Kelle und Baueimer antrete und als Verputzerin arbeite. Zwischendurch Wäsche waschen und Essen kochen - Haushälterin? Oder gilt das schon als Reinigungsservicekraft und Köchin? Drei Stunden im Copyshop - Ungelernte Fachkraft im Einzelhandel? Mir schwirrt der Kopf. Kein Wunder, bei der Geschwindigkeit, mit der ich Berufe wechsel.  

Damit ich mal aus dem Arbeiten heraus komme - und aus dem extrem vielen Staub, den das Wechseln der Fenster unerwartet verursacht hat -, mache ich Urlaub. Kurzurlaub. Ich fahre 350 Kilometer nach Stuttgart, wo ich mir Mark Britton ansehen möchte, der in der Komödie am Marquardt den Sherlock Holmes spielt. Da wollte ich eigentlich letzte Woche schon hin, als ich Lesungen in Karlsruhe hatte und nur 80 Kilometer von Stuttgart entfernt war. Es wäre so einfach gewesen am Vormittag in Karlsruhe zu lesen, am Abend in Stuttgart ins Theater zu gehen und am nächsten Tag gemütlich nach Hause zu fahren. Aber dann bekam ich für den Folgetag einen Lesungstermin in Köln und musste von Karlsruhe aus gleich zurück fahren, um am nächsten Morgen fit in der Kölner Schule zu stehen.

In dieser Woche also erneut eine Fahrt Richtung Karlsruhe, an Karlsruhe vorbei und ein kleines Stückchen weiter bis nach Stuttgart. Als ich ankomme, schneit es gerade, etwas später strahlt die Sonne vom Himmel. Das Wetter wechselt seine Tätigkeitsbereiche noch schneller als ich.

Ich bummel durch die Stuttgarter Innenstadt, esse mein erstes Eis (Mango/Joghurt), genieße den freien Tag mit Bewegung an der Luft, treffe mich mit Mark zum Kaffee trinken und gucke mir am Abend "Sherlock Holmes und die Kehrwoche des Todes" an. Eine lustige Komödie, die britische und schwäbische Elemente verbindet. Die Schauspieler sind alle klasse und überzeugend, das Stück ist kurzweilig, aber mit meinem frisch geschulten Dramaturgieblick erkenne ich sofort, dass sich der erste und der zweite Teil stark unterscheiden.

Die überspitzten, leichten, schrägen Humorstellen des ersten Teils werden zu längeren, eher ernsthaften Szenen, der lässig-selbstsichere Sherlock Holmes, der im ersten Teil im Mittelpunkt steht und sagt, wo es lang geht, ist im zweiten plötzlich unsicher und sitzt oft meinungslos und ohne Aktivität im Hintergrund. Das etwas überdreht-witzige Stück, das durch seine Überspitzungen sehr lustig ist und durch einen schrägen Sherlock Holmes lebt, wird im zweiten Teil unerklärlicherweise ernster, und plötzlich steht die Liebesbeziehung von Dr. Watson im Mittelpunkt der Handlung. Der zweite Teil ist nicht schlecht, aber er passt nicht zum ersten, und ich hätte das Stück lieber im Stil des ersten Teils weiter gesehen. Aber warum gibt es diese deutlichen Unterschiede? Wurde das Stück so geschrieben, ergab sich das bei der Regiearbeit oder sogar ungewollt durch Kürzungen und Änderungen? 

Ist es nun ein Segen oder ein Fluch, dass ich inzwischen noch genauer hinsehe und bewusst darauf achte, warum mich etwas in einer Inszenierung stört oder wo ich unerklärliche Brüche erkenne? Ich halte es für einen Vorteil, auch wenn ich nicht mehr unbefangen in einem Stück sitze, sondern ganz genau hinsehe. Es ist ja nicht so, dass ich nur darauf warte, wo etwas nicht rund läuft oder mich als Zuschauerin nicht mehr mitnimmt. Ich erkenne auch mit großem Vergnügen, was ich gut finde, von welchen Szenen ich berührt werde und wo eine Szene so gut aufgebaut ist, dass ich denke: Besser geht's nicht.

Nach dem Stück werde ich von der Zuschauerin und Dramaturgie-Fachkraft zur Fotografin und mache ein paar Bühnenfotos für Mr. Holmes und Dr. Watson, danach bin ich wieder Urlauberin und fahre am nächsten Morgen nach einem leckeren Frühstück nach Hause, wo ich sofort als Konditorin Kuchen für die Ostertage backe. Dann geht es mit Eimer und Kelle an die nächste Fenster-Verputz-Runde. Ist schon krass, was beruflich alles in eine Woche passt.