Blog 361 - 29.03.2015 - Blick auf den Main und Herr Thielke

Ich habe eine Lesung an einer Grundschule hinter Karlsruhe. Das bedeutet mehr als 300 km Fahrt, frühes Aufstehen, eine eventuell-ist-Stau-Zeitzulage und dementsprechend noch früheres Aufstehen. Kaum bin ich eine Stunde unterwegs, fällt mein Navi aus. Natürlich weiß ich, wo Karlsruhe liegt - zumindest ungefähr. Aber weil ich mich nicht auf die Fahrtstrecke vorbereitet, sondern komplett auf mein Navi verlassen habe, gibt es deutliche Lücken im Hirn.

Irgendwie an Frankfurt vorbei, dann Mannheim und irgendwann muss Karlsruhe kommen. Aber welche ist die Autobahn, die nicht nur nahe an Karlsruhe vorbei, sondern genau hin führt? A5? A6? Ist Richtung Basel wirklich richtig? Soll ich mir an einer Tankstelle eine Karte kaufen? Zum Glück erreiche ich den Gatten, der mir mit Blick ins Internet telefonisch die wichtigsten Angaben machen kann. Vor allem über den ungefähren Weg HINTER Karlsruhe, den ich zu dem kleinen Ort mit der Schule nehmen muss.

Die Fahrt ist spannend und ohne Navi und Karte ungewohnt. Aber es klappt, und sogar die Schule finde ich im etwas unübersichtlichen Ort problemlos, weil ich dort schon mal gelesen habe. Ich nehme mir vor, demnächst vor jeder längeren Fahrt den Weg sicherheitshalber auf der Karte zu studieren, ehe ich mich blind auf mein Navi verlasse.

Die beiden Lesungen machen viel Spaß, die Kinder sind mit großer Freude dabei, und als ich auf dem Rückweg an einer Raststätte über dem Main halte, in aller Ruhe einen Cappuccino trinke und auf das glitzernde Wasser blicke, finde ich, dass das ein toller Beruf ist.

Ich kann Geschichten schreiben, Bilder malen, Lesungen machen, große Augen von interessierten Kindern erleben und fast wie im Urlaub durch die Gegend fahren. Sogar dass ich dafür manchmal vor 4 Uhr aufstehen muss, schränkt die Freude nicht ein. Im Gegenzug gibt es wunderschöne Sonnenaufgänge während der morgendlichen Fahrt, bezaubernde Aufenthalte über dem Main und schöne Reaktionen, wie die eines begeisterten Jungen mit Schulanfänger-Zahnlücke, der sich bei der Fragerunde meldet und freudig erzählt: "Ich möchte auch mal ein Buch schreiben!" Wie toll, denke ich, da redet er weiter: "Aber immer, wenn ich damit anfangen möchte, gehe ich lieber spielen." Wunderbar! Ich liebe solche Kommentare! Ich antworte ihm, dass für ihn irgendwann mal der Zeitpunkt kommen kann, an dem er lieber ein Buch schreiben möchte, anstatt zu spielen, und dann wäre die Zeit dafür richtig.

Auch die Lesungen am nächsten Tag in Köln, wo ich nach langer Zeit mal wieder "Tim und der Apfelquieker" lese, machen Spaß, und ich denke, dass ich den Apfelquieker öfter mal ins Programm nehmen könnte. Gerade im 1. und 2. Schuljahr kommt er gut an.

Im Heimatort ist Sperrmülltag. Im Vorbeifahren entdecke ich vor einem Haus eine große, helle Stoffpuppe, die regungslos - wie auch sonst? - auf einem alten Gartenstuhl zwischen Gerümpel sitzt. Meinem Drang, sofort zu bremsen und sie einzuladen, gebe ich nicht nach, sondern fahre stur weiter und murmel: "Ich brauche keine Puppe, ich habe keinen Platz, ich fahre jetzt einfach weiter." Zuhause angekommen, finde ich es ein bisschen schade, dass ich sie nicht mitgenommen habe, aber jetzt ist es zu spät.

Am Abend fahre ich mit dem Gatten spontan zum Baumarkt und der Weg führt erneut an dem Haus vorbei. Ich berichte ihm gerade: "Heute Mittag saß hier eine Puppe ...", da sehe ich, sie sitzt in der Dunkelheit immer noch da. Bremsen, Autotür auf, Puppe holen, einladen, weiter. Der Gatte seufzt ergeben: "Was willst du denn mit der?", und ich sage: "Ich bin Puppenspielerin. Ich darf das!" Keine Ahnung, was ich mit der Puppe mache, die ein schlecht bemaltes Gesicht, verkorkste Hände und zudem einen etwas gruseligen Gesamtausdruck hat. Aber sie hat etwas Faszinierendes. Und sie hat auf mich gewartet. Das macht die Sache vielleicht noch gruseliger.

Gegen Ende der Woche gehe ich ins Programm von Hans-Hermann Thielke. Den habe ich noch nie live gesehen, obwohl ich das seit Jahren schon machen möchte. Er tritt im Talbahnhof Eschweiler auf, da war ich auch noch nie. In der Fußgängerzone von Eschweiler auch noch nicht, also habe ich drei Premieren an einem Tag.

Die Fußgängerzone lohnt sich gar nicht, der Talbahnhof ist klasse und Hans-Hermann Thielke ist es auch. Ich habe einen schönen Abend mit viel Spaß und werde in den nächsten Tagen einen Bericht tippen.