Blog 352 - 25.01.2015 - Von der Hand ins Herz

Fünf Tage lang bin ich im Bochumer Figurentheater-Kolleg. "Schon wieder?", werden aufmerksame Blogleser fragen. "Ja", kann ich nur schlicht antworten und dabei vergnügt aussehen. "Von der Hand ins Herz" ist der schöne Titel des Kurses, in dem es um das Schreiben und die Dramaturgie geht. Wie schaffe ich es, dass mein am Schreibtisch entwickeltes Stück die Zuschauer emotional berührt? Warum sind manche Szenen langweilig, wo bleiben wir als Zuschauer gebannt dabei und welche Fehler können eine Geschichte empfindlich stören? Der Dozent ist Bodo Schulte, der nicht nur Puppen bauen und mit ihnen spielen kann, sondern sich auch in der Regie und dem Schreiben von Stücken sehr gut auskennt.

Am Flipchart gibt es die Theorie, beginnend mit dem Märchen von Schneewittchen und dem Betrachten der verschiedenen Spannungskurven von Schneewittchen und der bösen Stiefmutter. Sieht lustig aus, bringt aber schnell nahe, um was es geht. Von rechts nach links zu gehen ist langweilig. Erst wenn es Hürden gibt, die den Weg behindern und überwunden werden, wird es interessant.

Mit Handpuppen werden an der Spielleiste kleine Szenen gespielt, die danach analysiert werden. Das ist viel einfacher zu begreifen als jede Theorie, denn wir merken schnell, was uns als Zuschauer langweilt und was uns fasziniert. Und es ist verblüffend, wie wenig Änderung eine uninteressante Szene oft nur braucht, um plötzlich spannend zu werden. Vieles, was ich bin dahin rein intuitiv beim Schreiben einer Geschichte gemacht habe, kann ich mir plötzlich erklären. Und anderes, an das ich nie gedacht hatte, wird mir klar. Es ist, als hätte Bodo Schulte ein Fenster aufgemacht, durch das ich mit wachen Augen in eine helle, klare Welt blicke und plötzlich die Zusammenhänge verstehe. "Zeit des Erwachens" fällt mir etwas theatralisch ein, aber so fühle ich mich tatsächlich.

Wir lernen viel, probieren, verbessern, und am Ende des Seminars kann ich mit Begriffen wie Protagonist, antagonistische Kräfte, Fallhöhe, Point of no return und Exposition nicht nur sprachlich jonglieren, sondern weiß sogar, was damit gemeint ist und wie ich sie beim Entwickeln einer Geschichte einsetze. Und das sind nur einige Begriffe aus der Fülle der neuen Erkenntnisse. Sie ersetzen nicht meine Phantasie und meine Kreativität, aber sie geben mir eine ganz neue Sicherheit beim Arbeiten, ohne dass sie mich einschränken. Großartig!

Es sind fünf Tage mit konzentriertem Arbeiten, Gelächter, abendlichem Filmgucken und einer umfangreichen Einführung in die Grundlagen der Dramaturgie. Bodo Schulte als Dozent ist klasse, weil er die Theorie mit der Praxis verbindet, Zusammenhänge und Folgen sehr verständlich vermittelt und das große, komplizierte Gebiet der Dramaturgie aufbröselt und in eine überschaubare Basis zerlegt. Ich komme strahlend, hochmotiviert und mit innerem Feuer nach Hause. Das hat mich gewaltig weiter gebracht.

Zuhause angekommen, wartet auf mich ein Stapel von alten Kinderbüchern und ich eile zu einer Besprechung für eine Lesewoche im April. Es geht um das Thema "Freundschaft", und nachdem alle Bücher, die ich dazu angelesen habe, in "Liebe" endeten, werde ich nun eine Lesung aus bekannten Kinderbüchern mache. Da gibt es mehr Freundschaften, als ich auf meinem Tisch stapeln kann. "Tom Sayer und Huckleberry Finn", "Biene Maja und Willi", "Lassie", "Fury", "Flipper", "Hanni und Nanni", "Pu, der Bär", "Fünf Freunde", "Winnetou und Old Shatterhand" ... Es wird spannend sein, daraus eine kurzweilige und kontrastreiche Lesung zu bauen, in der ich eine etwas dämliche Internats-Mitternachtsparty gleich nach einen poetischen Spaziergang mit Pu und Ferkel setze. Mal sehen, was ich rausholen kann.

Die Woche endet mit einer schönen Feier bei den Wise Guys. Ich bin zwar nicht mehr aktiv als Mitarbeiterin dabei, aber ich finde, ich habe in acht Jahren so viel gearbeitet und so viele Ideen geliefert, dass ich mindestens noch zwanzig weitere Jahre lang unbesorgt mitfeiern kann. Es ist ein fröhlicher, entspannter Abend, der für mich ein passender Abschluss der wunderbaren Seminar-Woche bei Bodo ist. Die Neujahrskarten, die ich extra nach Bochum mitgenommen hatte, habe ich übrigens immer noch nicht geschrieben. Ich hatte abends keine Zeit, weil ich Filme geguckt und auf ihre Protagonisten, Ziele und Wendepunkte hin betrachtet habe.