Blog 331 - 31.08.2014 - London und Extrem Musicaling

Noch bin ich nicht mit all meinen Sinnen vom ruhigen, konzentrierten Puppenspielkurs aus Bochum zurück, da geht es zu viert ins trubelige London. Ich habe etwas Sorge, dass ich alles nicht richtig genießen kann, denn neue Eindrücke und Menschenmassen will ich momentan gar nicht haben. Dass wir in den vier Tagen auch noch drei Musicals ansehen werden - sonst ein Plan, der mich zum Jubeln bringt -, kommt mir plötzlich anstrengend vor. Das ist meinem mit Puppenspiel-Eindrücken vollem Kopf zu viel, denke ich noch am Vortag.

Erstaunlicherweise kommt es anders. London muss einfach voll und schnell sein, nur so ist es richtig, und sobald ich mittendrin stecke, passe ich mich dem Großstadtleben an. Ich laufe im Strom der vielen Fußgänger mit, stehe in unendlichen Schlangen auf Rolltreppen, die zur U-Bahn führen und freue mich, dass ich im bunten London bin. Anstatt dass mich der Trubel belastet, spüre ich die Energie und werden davon angesteckt. An den Vormittagen laufen wir durch London und sehen uns viel an, und die drei Musicals - wahnsinnig genug - werden blitzschnell auf fünf erweitert. Weil ich mir gerne auch die Sonderausstellung "Royal Childhood" ansehen möchte, besuchen wir den Buckingham Palace, der im Sommer für Besucher geöffnet ist und mir sogar im offiziellen Teil erstaunlich gemütlich und wohnlich vorkommt. Auch der Thronsaal schüchtert nicht ein, sondern hat eine angenehme Größe und ist mit warmen Farben gestaltet. Damit die Queen ungestört in ihrem Haus frühstücken kann, ist nur ein kleiner Teil des Gebäudes zur Besichtigung freigegeben. Das wär ja auch was, mal eben durch eine Tür zu gehen und da sitzt die Queen am Küchentisch und löffelt gerade ein Ei. Das wäre mir schon unangenehm. Ihr vermutlich auch.

Während des Schlenderns durch die königlichen Räume wird mir außerdem klar, dass ich zwar gerne ein großes Haus mit vielen Zimmern hätte, dass mir die mehr als siebenhundert Räume im Buckingham Palace dann aber doch deutlich zu viel sind. Schon nach dem zehnten Raum denke ich: "Theater, Proberaum, Tonstudio und Atelier hätte ich, aber was soll ich denn mit all den anderen Zimmern machen? Die müssen doch ständig aufgeräumt und staubgewischt werden." Haben eigentlich die Prinzen und Prinzessinnen Verstecken im Haus gespielt? Bei den vielen Zimmern, Türen und unauffällig in den Wänden eingepasste Nebentüren könnte das Monate gedauert haben, bis sie sich wieder gefunden haben. Gegen den großen Garten mitten in London, im hinteren Teil schön zugewachsen und mit Teich, hätte ich weniger Einwände. Allerdings müsste ich mir dann einen großen Sitzrasenmäher anschaffen, denn mit meinem kleinen Elektromäher wäre ich sonst ebenfalls monatelang unterwegs und würde ein Vermögen für die vielen Verlängerungskabel ausgeben müssen. Manchmal bin ich erstaunt, was für Gedanken ich mir mache.

Aber Sightseeing - selbst bei der Queen - ist diesmal nur die Nebenbeschäftigung. Wir sind wegen der Musicals in London und unser Schwerpunkt sind die Nachmittags- und Abendvorstellungen. Ich bin bei allen fünf Vorstellungen sehr wach, beobachte aufmerksam und habe unerwartet viel Platz in meinem Kopf für die neuen Eindrücke. Sie setzen sich einfach neben die Puppenspieltage und ergänzen das Gelernte. Ob nun mit Puppen oder mit Menschen auf einer Bühne inszeniert wird, ist im Ergebnis gar nicht so ein großer Unterschied.


Meine persönliche Musicalbewertung:

Billy Elliot - Victoria Palace Theatre

Ein Junge aus einer Bergarbeitersiedlung möchte Balletttänzer werden. Die Geschichte spielt in Nordengland und da viele Rollen mit nordenglischem Akzent gespielt werden, habe ich einige Probleme beim Verstehen. Macht aber nichts, denn ich kenne die Geschichte und die Körpersprache sagt fast alles. Es gibt schnell wechselnde Bühnenbilder, die durch nur geringe Veränderungen der Dekoration entstehen - sehr toll -, es wird hart und laut, wenn die streikenden Bergarbeiter demonstrieren und als Kontrast übt Billy mit einer lustigen Mädchengruppe Ballett. Die Musik ist von Elton John gemacht, ist ganz gut, hat aber keinen Ohrwurm, der im Kopf bleibt. Das Stück ist witzig, berührend und kurzweilig. Die rauhen Bergarbeiter werden genau wie das Publikum von Billys Liebe zum Tanzen und seinem Talent berührt. Ganz großartig gespielt wird auch die Nebenrolle von Billys Freund Michael, der gerne die Kleider seiner Schwester trägt und die Rolle so charmant und souverän spielt, dass er das Publikum begeistert. Ich bin vorher etwas skeptisch, ob mich das Musical nach dem guten Film überzeugt, tut es aber mühelos.

The Book of Mormon - Prince of Wales Theatre

Zwei Mormonen-Missionare werden nach Afrika geschickt, um zu missionieren. Eine sehr schräge, freche und nicht immer jugendfreie Geschichte, die musikalisch in Richtung "Avenue Q." geht - kein Wunder, der Komponist ist derselbe-, und inhaltlich zwischendurch an Monty Python erinnert. Nach dem vorherigen Lesen der Inhaltsangabe gucke ich etwas verwirrt und denke, dass ich die Zusammenhänge auf der Bühne wohl nicht komplett verstehen werde, aber es ist dann alles ganz einfach, sehr witzig und ich liebe es sofort. Großartiges Timing, sehr viele kleine Sachen, die genau meinen Humornerv treffen, Schnelligkeit und völlig schräge Szenen, über die ich laut lachen muss. Dazu auch noch gute Musik - Book of Mormon wird sofort eines meiner Lieblingsmusicals.

Wicked - Apollo Victoria Theatre

Warum wurde die böse Hexe aus Oz so böse. Die Vorgeschichte vom "Wizard of Oz" interessiert mich so gar nicht, aber das Musical ist sehr beliebt und das muss ja seine Gründe haben. Ich gehe aufgeschlossen in die Vorstellung und erinnere mich, dass ich früher auch nicht an "Les Miserables" interessiert war und mich die Londoner Vorstellung dann umgehauen hat. "Wicked" ist ... nun ja ... ganz OK. Gut gemacht und sehr aufwändig ausgestattet, aber während das Publikum um mich herum meist begeistert ist, erreicht mich der Funke nicht. Mir ist alles zu glatt und zu Helene Fischer. Perfektionierte Langeweile, austauschbare Musicalstimmen und Charaktere, die vorhersehbar und darum langweilig sind. Die Gute ist zu gut, die Böse immer böse, das Außenseiterkind wird immer von den Mitschülern gehänselt und die Lieder erscheinen mir immer ähnlich. Natürlich gibt es auch Szenen, die mir gefallen oder die mich beeindrucken, aber mir fehlen die Brüche und ich werde nicht wirklich berührt. Wir sitzen in dem großen Theater recht weit hinten und würden vorne vielleicht mehr von Musik und Ausstrahlung berührt werden, aber ich vermute, von der Story und der weichgespülten, glatten Ausführung wäre ich auch weit vorne nicht völlig begeistert. Es ist wohl Geschmackssache.

Once - Phoenix Theatre

Ein irischer Straßenmusiker trifft auf eine eingewanderte Tschechin. Wir wissen nur, dass es eine romantische Liebesgeschichte in einem relativ kleinen Theater sein soll, die Kritiken sind sehr gut, aber wir stellen uns sicherheitshalber auf eine Show ein, die auch komplett kitschig und blöd werden kann. Doch dann erleben wir unerwartet eine sehr tolle Inszenierung in einer Mischung aus Musical und Theaterstück. Gleich nach der großen, aufwändigen "Wicked"-Produktion sehe ich bei der kleinen "Once"-Produktion wie berührend eine simple Geschichte inzeniert werden kann. Es gibt wundervolle Regieeinfälle, supergutes Timing, viel Humor und ganz leise Szenen, in denen die Pausen und die Stille wichtiger als jede Handlung sind. Ich lerne beim Zusehen ganz viel über gute Regie und nehme einen Haufen von Ideen und neuen Möglichkeiten für eigene Inszenierungen mit. Und das, was ich bei Bodo Schulte in Bochum über das Inszenieren von Szenen mit mehreren Puppen gelernt habe, sehe ich hier umgesetzt. Obwohl die Bühne voll ist, weil auch die Musiker sich dort aufhalten und sowohl im Stück als auch zur instrumentellen Begleitung mitspielen, finden meine Augen immer sofort den Bereich, in dem sich die Handlung abspielt. Fünfzehn Leute auf der Bühne, aber ich nehme nur zwei davon wahr. Besonders beeindruckend erlebe ich, dass es, wenn augenscheinlich gar nichts passiert, besonders spannend sein kann. Für mein eigenes Theatermachen nehme ich von dieser Produktion am meisten mit und bin sehr froh, sie gesehen zu haben. An sie werde ich mich noch lange erinnern.

Matilda- Cambridge Theatre

Die hochintelligente Matilda trifft in der Grundschule auf eine sadistische Lehrerin. Die schräge Geschichte von Roald Dahl wird in der Show hauptsächlich von Kindern umgesetzt, ist aber - wie alle Roald Dahl-Geschichten - auch für Erwachsene geschrieben. Dementsprechend sitzen weit mehr Erwachsene als Kinder im Publikum. Wenn Kinderstücke nicht nur Kindern Spaß machen, läuft alles richtig, finde ich. Bei "Matilda" ist ein Großteil der Rollen mit Kindern besetzt. Sie sind sieben-, acht-, höchstens mal zehnjährig. Sie tanzen und singen mit einer Energie und Perfektion, die nur staunen lässt. Es sind riesige Textmengen, komplizierte Choreographien und es gibt ein fast durchgehend hohes Tempo, aber sie spielen sich hochprofessionell und lächelnd durch. Die Inszenierung ist schräg, witzig, bunt, mit wunderbar überzeichneten Erwachsenen, die noch schräger sind und viel Spaß machen.Eine ganz wunderbare Produktion!

Am Ende des kurzen Extrem-Musicaling Londonbesuchs haben wir doch unerwartet viel von London gesehen und fünf sehr unterschiedliche Musicals erlebt. Die vielen Eindrücke aus den Theatern machen mir noch mehr Lust auf das eigene Inszenieren von Theaterstücken, geben mir aber auch einen dicken Dämpfer, weil ich weiß, dass sich viele Ideen und Anregungen nicht umsetzen lassen. Das liegt weniger an den technischen Möglichkeiten, als am fehlenden Einsatz. Für perfektes Timing beim Spielen und bei den Choreographien muss sehr viel und zeitintensiv geübt werden, was mit nicht-professionellen Spielern meistens nicht in der erforderlichen Weise zu machen ist. Da reichen eben nicht drei Proben für eine Szene, da müssen es auch mal dreißig sein, bis sie schnell und perfekt klappt. Aber wer nur in seiner Freizeit Theater spielt, hat oft gar nicht die Möglichkeit so viel zu proben. Außerdem nehme ich mit, dass große Inszenierungen nicht zwangsläufig großartiger als kleine sind, dass die Theaterbesucher-Kinder in London meist sehr leise und diszipliniert sind, dass dafür die Erwachsenen auch an ganz leisen Stellen laut in ihren Chipstüten wühlen und dass mir fünf Musicals hintereinander kein bisschen zu viel sind. Ich wäre wirklich noch gerne zwei Tage länger geblieben und hätte dann noch vier Musicals mehr ansehen können. Mal sehen, was im nächsten Jahr am Londoner Westend gespielt wird.

Aber jetzt geht es erstmal an die eigene Produktion. Am nächsten Samstag ist Premiere des Live-Krimi-Hörspiels und auch da kommt es auf Einsatz und Timing an. Ob nun Londoner Westend oder Erftstädter Kleine Bühne - auf das Ergebnis kommt es an.