Blog 346 - 14.12.2014 - Das 300-Kilo-Wunder und die Wise Guys

Nachdem wir am Samstagabend überraschend ein altes Klavier ersteigern, steht am Sonntag die Frage im Raum, wie wir das mordsschwerde Ding bis zu uns transportieren. Die Verkäuferin hätte gerne, dass es sofort am Montag abgeholt wird. Wir sind zu dritt und das Klavier wiegt schätzungsweise 300 Kilogramm. Immer wenn die Panik mich im Laufe des Sonntags überrennen möchte, denke ich: "Ach, es wird sich schon eine Lösung finden" und denke an etwas anderes. Erstaunlicherweise klappt das.

Am Montagmorgen telefoniere ich wild herum. Dass ich es schaffe, eine Firma zu finden, die mir zu einem annehmbaren Preis am gleichen Nachmittag ein Klavier transportiert, könnte ich vermutlich als Wunder anerkennen lassen. Drei starke, freundliche, schnell und sorgfältig arbeitende Männer wuchten das Klavier aus der Wohnung der Verkäuferin, heben es in einen Lieferwagen, fahren zu uns, wuchten es den Hang hoch und stellen es in das Wohnzimmer. Das hätten wir niemals selber so schnell geschafft. Wenn wir es überhaupt jemals geschafft hätten.

Jetzt haben wir anstelle des eleganten, schmalen E-Pianos ein großes, plumpes Ungetüm vor dem CD-Regal stehen. Es ist so hoch und breit, dass das CD-Regal nur noch im oberen Drittel genutzt werden kann. Außerdem ragen die Seiten bis vor die Fenster, was so wirkt, als hätte jemand ein zu großes Klavier vor eine zu schmale Wand gestellt. Genau so ist es ja. Wir sehen das alte Klavier an, das beim Betreten des Zimmers sofort den Blick auf sich zieht, weil es so breit, dick und unpassend vor dem Regal steht, und strahlen uns freudig an. "Ein Klavier, ein Klavier! Mutter, wir danken dir!" Seltsamerweise haben wir das Gefühl, dass es zu uns gehört und wir endlich "unser" Klavier nach Hause geholt haben. Kann ja kein Zufall sein, dass ich einfach mal "Klavier" bei Ebay eingebe, genau dieses Klavier als erstes zu sehen ist, es kurz vor Auktionsende steht, gerade mal 20 Autominuten von uns weg, dass wir Zeit haben, spontan hinfahren und es, kaum wieder zuhause angekommen, sofort ersteigern. Das sollte wohl so sein.

"Du bist in der Zeitung", informiert mich meine Mutter am Telefon, und ich wunder mich kurz, weil es doch aktuell weder eine Lesung, noch ein Theaterprojekt gab. Es ist mir auch nicht, beim Versuch ein Klavier zu transportieren, ein 300-Kilo-Instrument auf den Fuß gefallen, was vermutlich eine Meldung wert wäre. Aber ein Foto gibt es, denn im Kölner Stadt-Anzeiger ist ein Bericht über die Lesung von Roger Willemsen, und ich bin als optisches Beiwerk vor dem Signiertisch zu sehen. So komme ich doch tatsächlich zu einem gemeinsamen Foto mit Roger Willemsen. Wir hatten Spaß, das kann man sehen. Erstaunlicherweise sprechen mich noch mehr Leute auf das Zeitungsbild an, obwohl ich diesmal doch wirklich nichts getan habe.

Das für das Frühjahr überlegte Theaterstück sah nach dem Casting vor zwei Wochen überraschend vielversprechend aus, danach etwas mau, am letzten Sonntag so, als ob alles klar wäre, und jetzt doch wieder problematisch. Die Zeit drängt, denn wir müssten in der nächsten Woche schon mit den ersten Proben beginnen, aber immer noch ist manches fraglich. Außerdem müsste der Initiator, der so gerne mal Regie machen wollte, aus Personalgründen mitspielen, so dass die Regie zum großen Teil bei mir liegen würde, obwohl ich nur ein bisschen unterstützend eingreifen wollte. Auch einen der Aufführungtermine könnten wir, weil jemand einen anderen Termin hat, nicht halten. Kurzentschlossen stoppen wir das Projekt, was ich für eine gute Entscheidung halte. Es ist schade, aber man muss nicht alles mit Kompromissen und Einschränkungen durchziehen, nur um es zu machen.

Zum Abschluss der Woche gibt es die Wise Guys in einem feinen Konzert in der Bonner Kreuzkirche. "Ein Konzert ohne Remmidemmi", wie Dän ankündigt, und was, wie ich feststelle, genau meine Wellenlänge ist. "Dein Blick", "Tief im Süden", "Mad world", "Paris", ein lässig entspanntes "Jetzt ist Sommer" - ich lächel gut gelaunt vor mich hin und erinnere mich, wie mich die Wise Guys beim ersten Konzertbesuch sofort fasziniert haben. Das ist mehr als 16 Jahre her. Unglaublich.

Dass sie an diesem Abend einige Oldies im Programm haben, freut mich auch, denn gerade mit den älteren Liedern kann ich viel verbinden. Die "Powerfrau", bei der ich bei Kameraaufnahmen in der Bildregie immer rechtzeitig darauf hinweisen musste, dass Sari gleich auf die Knie fällt, damit er nicht plötzlich aus dem Bild rutschte, "Mädchen, lach doch mal", bei dem früher an den Trommelstellen viel und unplanbar herum gesprungen wurde, und "Jetzt ist Sommer", das 2001, als ich gerade eine kleine Video-Doku über die Vorbereitungen des damals noch sehr aufregenden Tanzbrunnenkonzertes filmte, plötzlich zum Hit wurde. Sehr schön ist auch, dass ich während des Konzertes neben Eddis Schwester sitze, die ich zwar kenne, aber nur selten sehe. Wir haben verblüffend ähnliche Gedanken zu einzelnen Liedern und können gut miteinander reden und lachen. Manchmal passt es sofort. Es ist ein rundum harmonischer Abend, der sich schon fast wie ein schöner Jahresabschluss anfühlt. Irgendwie gerührt und weihnachtlich gestimmt, fahre ich lächelnd nach Hause.