"Führungstechniken für Fortgeschrittene mit Hand-, Klappmaul- und Stabpuppen",
Seminarleiter: Bodo Schulte, Figurentheater-Kolleg Bochum, März 2017


Im Kurs für Führungstechnik ging es um alles, was von unten gespielt wurde, vorwiegend Klappmaul-, Hand- und Stabpuppen. Marionetten und Tischfiguren gehörten nicht dazu. Abgesehen vom Spaß, den die Kurse machten und von den nie überflüssigen Übungen zur Puppenführung - würde ich bei diesem Kurs so viel mitnehmen, dass er sich "lohnte"? Schließlich hatte ich schon Hand- und Klappmaulpuppenkurse beim Seminarleiter Bodo Schulte besucht, kannte eine Menge Theorie und viele seiner Übungen. Mit diesem Wissen könnte ich ja auch selber intensiv üben. Ich hatte auch nicht vor, mal Stab- oder Stockpuppen einzusetzen. Mmh, wäre ja blöd, wenn ich nach dem Kursbesuch eingestehen müsste, dass ich dann doch hauptsächlich mitgemacht hatte, weil es so viel Spaß machte und ich ein ausgesprochener Fan des Seminarleiters war.

Zum Glück fiel mir rechtzeitig ein, dass ich schon seit längerem unbedingt üben wollte, mit einer Livehand-Puppe zu spielen. Das waren die Puppen, mit denen der Spieler mit einer seiner eigenen Hände gestikulieren und greifen konnte. Besonders das Livehand-Spielen zu zweit wollte ich gerne ausprobieren. Eine passende Puppe hatte ich mir im letzten Jahr schon gebaut, und da sie eine von unten gespielte Klappmaulfigur war, passte sie perfekt zum Thema. Außerdem war der Kurs eine gute Gelegenheit, mal mit Stab- und Stockpuppen herum zu probieren. Auch wenn ich sie nicht selber einsetzen wollte, könnte es ja sein, dass ich sie irgendwann mal spielen musste, und dann damit schon Erfahrung hätte. Auf Puppenspielen in jeder Form war ich sowieso gerade neugierig.             

Der Kurs fand in einem Seminarraum des Puppentheater-Kollegs Bochum statt. Auf einer langen Tischreihe vor der Fensterfront lagen unerwartet viele Puppen. Nicht nur Bodo hatte sie kofferweise angeschleppt, auch die Teilnehmer waren nicht nur mit einer einzelnen Puppe angekommen. Vom Hohensteiner Kasper über einfache Stockfiguren, verschiedene Klappmaulpuppen, bis hin zu großen Stabfiguren gab es einen variantenreichen Fundus zum Lernen und Üben. Was für ein schöner, animierender Anblick!

Zum Einstieg zeichnete Bodo Schulte an die Tafel, in welche Gruppen die von unten bespielten Figurenarten eingeteilt werden konnten. Es gab direkte und indirekte Spielweisen, große und kleine Varianten, Figuren auf Stöcken, mit Stäben und Mischformen, die zeigten, dass es keine Vorschriften, sondern vielfältige Möglichkeiten gab.

Für die erste Übung suchte sich jeder Teilnehmer eine Hand-, eine Stock- und eine Klappmaulpuppe aus, mit denen er jeweils eine kurze Szene übte und dann an der Spielleiste zeigte. "Auftreten, verbeugen, abtreten." Schnell zeigten sich die Unterschiede der verschiedenen Figurenarten. Die Stockpuppe musste im Tempo und der Intensität anders als die Handpuppe bewegt werden, um einen ähnliche Bewegung zu zeigen, und bei der Klappmaulpuppe war es dann nochmal ganz anders. Und nicht nur das, auch jede Puppe für sich hatte ihre Eigenschaften und es musste herausgefunden werden, was sie konnte und wo ihre Grenzen lagen.

Interessanterweise wurden die einfachen Stockpuppen, die völlig steif und anscheinend unbeweglich auf einem Holzstab steckten, bei richtigem Einsatz auf der Bühne zu witzigen Charakteren. Die hatte ich völlig unterschätzt, was sich beim Zusehen spontan änderte. Was für eine Ausdruckskraft und was für ein selbstbewusstes Auftreten die hatten. Peng! Schon hatte ich was gelernt.

Wie immer in Bodos Kursen wechselte die Theorie mit Übungen zur Puppenführung und Spielübungen an der Leiste ab. Wir lernten, welcher Zuschauer wo bei der Vorstellung sitzen sollte, (was nicht von der Beliebtheit des Zuschauers, sondern von seiner Körpergröße abhing), wo sich die Hüften bei Handpuppen und bei Klappmaulpuppen befanden, (immer wieder schön, wenn der Seminarleiter anschaulich mit wiegenden Hüften durch den Raum schritt, um den Ablauf der Bewegung zu verdeutlichen), und wie von den Puppen Treppen gestiegen, Rolltreppen gefahren und Fahrstühle betreten werden. Auch da zeigte sich, dass kleine Puppen anders bewegt werden müssen als große.   

Wenn ein Teilnehmer an der Leiste vorspielte, sahen alle anderen zu und lernten sofort an den Korrekturen, die Bodo sehr hilfreich und positiv anbrachte. Ich hatte das Gefühl, dass ich beim Zusehen sogar noch mehr lernte als beim Selberspielen, weil ich sofort die Auswirkungen der Korrektur sehen konnte und mich dabei nicht auch noch auf das Spielen konzentrieren musste. Oft waren es Kleinigkeiten, die eine Szene sofort viel schöner machten. Ein längerer Blick, ein kurzes Zögern oder eine leicht nach vorne gebeugte Spielhand, die das Hohlkreuz der Puppe verhinderte. Manchmal mussten es auch starke Korrekturen sein, aber in der lockeren, lachbereiten Atmosphäre des Kurses war es nie ein peinliches Fehleraufzählen, sondern ein gemeinsames Arbeiten an der Haltung und dem Tempo, bei dem jeder lernen konnte.

Bodo Schulte legte Wert auf ein sorgfältiges Beobachten der menschlichen Bewegung, die dann reduziert und jeweils passend auf die Puppe übertragen wurde. Wie stand ich eigentlich herum, wenn ich auf einen Fahrstuhl wartete? Guckte ich auf den Etagenknopf, bevor ich ihn drückte? Wie konnte ich auf der Spielbühne einen Fahrstuhl eindeutig definieren, auch wenn gar keiner da war? Es war spannend zu sehen, welche Ergebnisse es gab und was für uns als Zuschauer sofort erkennbar war.

Nachdem die Grundkenntnisse für die Bewegungen der Figuren wieder aufgefrischt waren, ging es um den Charakter und die Energie der Puppen. Wie würde ein Choleriker in einer Situation reagieren, wie ein Melancholiker? Jeder wählte eine Figur aus dem Fundus, entwickelte ihre Lebensgeschichte und schrieb ein ausführliches Soziogramm. Danach trafen die Figuren in einer Spielübung beim Speed-Dating aufeinander, was sehr komische Situationen ergab. Das gefiel mir sehr an Bodos Kursen: Lernen - machen - spielen. In der Theorie erfahren, was ein Soziogramm ist, selber eins entwickeln und dann beim Spielen mit der Puppe sofort merken, wie selbstverständlich sie sich bewegt, spricht und reagiert, wenn ihr persönlicher Hintergrund klar ist. 

Obwohl es während der Seminarstunden immer locker blieb und viel gelacht wurde, waren die Tage erstaunlich anstrengend und fordernd. Hatte ich vorher noch überlegt, dass ich vielleicht nicht "genug mitnehmen" würde, konnte ich über diesen Gedanken schon nur noch lachen. Es gab so viel zu tun und zu lernen, und es eröffneten sich immer neue, interessante Gesichtspunkte, die ich oft gerne noch intensiver behandelt hätte. Dann wäre aber keine Zeit mehr für weitere Themen geblieben. Schon das Aufwärmen morgens war mir viel zu kurz, weil mich das immer besonders erfreute. Ich fand es schön, mich intensiv mit der anscheinend unscheinbaren Schaumstoffballfigur zu beschäftigen, die so grazil war und doch unglaublich viel Energie und Leben hatte.

An einem Morgen hatten wir eine Übung, in der dieser Ball zum Leben erweckt wurde und dann auf der Hand ein atmendes, lebendiges Wesen war. Es war berührend und sehr schön. Ich staunte mal wieder, wie eigenständig dieses kleine Wesen war, das nur auf den ersten Blick wie eine Hand mit einem gelben Schaumstoffkopf aussah, in Wahrheit aber eine zähe, kleine, bezaubernde Person war. Als wir sie am Schluss wieder sinken ließen und sie zum Ball wurde, war das ein fühlbarer Verlust. "Ooooch ...", seufzten die Teilnehmer und es blieb einige Minuten merkbar stiller im Seminarraum.

Die Tage gingen blitzschnell vorüber und am Abend waren alle immer müde und geschafft. Das war ganz schön anstrengend, mit Puppen zu spielen! Aber es war zu merken, wie sich das Spielen verbesserte und was für Möglichkeiten sich zeigten.  

Zur Puppenführung gehörte auch das gemeinsame Spielen. Bei einer Übung sollten alle Teilnehmer Stockpuppen in einer synchronen Reihe über die Bühne laufen lassen. Einfach von rechts nach links, alle im gleichen Rhythmus. Außer auf den Rhythmus des Gehens und die vom ersten Spieler vorgegebenen Bewegungen, musste auf die Höhe der eigenen Puppe an der Leiste, den Abstand zur Vorderpuppe, die eigene Körperhöhe und im sehr engen Nebeneinander auch auf die Füße des Vorderspieler geachtet werden, dem man trotz der extra kleinen Schritten oft in die Hacken lief. Es galt gucken, bewegen, laufen und auf alles gleichzeitig achten. Jede Stockpuppe alleine war uninteressant, nur die synchrone, aufeinander eingehende Gruppe zählte.

Trotz dieser Hürden und einer partiell auftretenden Rechts-Links-Schwäche übten wir mit Energie wieder und wieder den Marsch an der Spielleiste. Dabei lachten wir sehr viel, denn bei aller Arbeit und Konzentration war es sehr witzig. Bodo filmte das Ergebnis mit der Videokamera, und was uns mit dem Blick von unten hinter der Leiste schon einigermaßen gut vorgekommen war, sah beim Betrachten dann doch noch ausbaufähig aus. Aber auch sehr lustig. Das Ziel war zu erkennen. Noch ein, zwei Stunden Übezeit, und es wäre perfekt gewesen. Nahezu perfekt. Auf jeden Fall besser.

Auch das Spielen vor der Kamera wurde geübt. Während sonst der Blick zur Puppe nach oben ging, um die Haltung und Blickrichtung zu kontrollieren, musste er in diesem Fall nach unten zu einem Monitor gehen. Das war ungewohnt, dafür war für den Spieler aber genau zu sehen, wie die Szene von vorne wirkte. Anschließend wurden die kurzen Szenen auf die Wand projiziert und auch dort nochmal freudig begutachtet.

Und endlich kam auch die Livehandpuppe zum Einsatz. Von Bodo zunächst "der Bär" genannt, von mir "Ich weiß nicht, was es ist. Ein Bär aber nicht. Irgendwas". Zwei Teilnehmer spielten eine kurze Szene, bei der einer den Kopf bespielte, der andere beide Hände, was eine gute Koordination der beiden Spieler verlangte. Schon wieder lernten alle Teilnehmer vom Zusehen. "Kopf höher, Hände ruhiger und vor allem auf den Blick achten", sagte Bodo, rückte mal hier zurecht, mal da, und gleich wurde es viel besser.

Als der Kurs am fünften und letzten Tag angelangt war, hatte ich das Gefühl, das wir unglaublich viel gemacht hatten, aber noch lange nicht fertig waren. Da war ja noch gar nicht alles angesprochen, und ich würde auch gerne noch viel intensiver mit den Puppen arbeiten und Spielübungen machen. Fünf Tage waren viel zu kurz für so ein umfangreiches Gebiet! Der Kurs, bei dem ich vorher das Gefühl hatte, er könnte für mich aus viele Wiederholungen bestehen und wäre "begrenzt" auf die Figurenführung von unten, hatte sich als übervoll und sehr reichhaltig erwiesen. Ich hatte die Puppenführung intensiv aufgefrischt, mit Hand-, Stock-, Klappmaul- und Stabpuppen gespielt, Neues ausprobiert, jeden Tag als kurzweilig und lohnend empfunden und durchgehend meine großen Liebe zum Puppenspiel gespürt. Sogar bei den Stockpuppen.

Nur mit der Livehandpuppe hatte ich nicht gespielt. Weder alleine, noch zu zweit. Es hatte für mich einfach immer etwas anderes Interessantes zu entdecken gegeben. Hätte ich unbedingt gewollt, hätte ich auch mal die Livehandpuppe wählen können, aber mit den kniffeligen Stabpuppen zu spielen oder intensiv auf die Haltung einer Handpuppe zu achten, fand ich dann doch immer faszinierender.

Zum Abschluss gab es zwei Vorführungen. Die eine Gruppe der Teilnehmer zeigte, wie kleine Handpuppen eine große Zeitung auf der Bühne zu einem Papierschiff falten können, was sehr gelungen und äußerst verblüffend war. Die andere Gruppe hatte ein Lied auf ein Playback einstudiert und brachte eine Shownummer.

Beide Nummern waren ein wunderbarer Abschluss des Kurses, weil sie - bei allen Fehlern, die noch drin waren - doch zeigten, was rauskommen kann, wenn man weiß, wie es geht. Es war ein rundes Kurskonzept. Angefangen beim ersten "Auftreten, verbeugen, abtreten" bis hin zur gespielten End-Szene, die in der Gruppe erarbeitet wurde.

Mit der Livehand-Puppe werde ich jetzt zuhause üben. Alleine. Obwohl ... das wäre ja ein guter Grund, den "Puppenführung-von-unten-Kurs" nochmal zu machen! Wegen der Livehand-Übungen. Und weil es so viel Spaß macht, weil so viel gelernt und ausprobiert werden kann, weil es so euphorisch macht, weil Stabpuppen gar nicht langweilig sind und weil der Seminarleiters so klasse ist.