"Bau von Klappmaulfiguren für Bühne und Film", Seminarleiter: Michael Hepe (Benecke)
Hof Lebherz, Warmsen, 24.-27. Juli 2016

"Herrensocken mit möglichst großem Baumwollanteil" stand auf der Liste der benötigen Sachen für den Figurenbaukurs bei Michael Hepe, der in Fachkreisen auch Benecke hieß. "Ich soll Herrensocken mitbringen", sagte ich verwundert zu meinem Gatten, und der vermutete: "Vielleicht braucht der Mann, der den Kurs macht ..." Ein sockenloser Seminarleiter?

Mehr Sorge als ein sockenloser Seminarleiter machte mir die Vorstellung, dass ich am Ende des Kurses nicht mit neuem Bauwissen für eine Bühnen- und Film-Klappmaulfigur, sondern mit einer Sockenpuppe nach Hause kommen würde. Auch die kurze Kursdauer sprach gegen ein anspruchsvolles Bauvorhaben. Da der erste der vier Seminartage erst um 18 Uhr begann, blieben nur drei volle Arbeitstage übrig, die mir mehr als knapp für eine Klappmaulfigur vorkamen. Ich hoffte, dass die Socken wirklich nur für den privaten Gebrauch des Seminarleiters gedacht waren.

Der Hof Lebherz, eine Bildungsstätte für Figurentheater, lag in Warmsen, einem ländlichen Bereich in Niedersachsen. Ringsherum gab es viel Platz, viel Landschaft, ein Moor und große, rot geklinkerte Höfe. Das Werbeplakat mit der einladenden Zeile: "Entdecken Sie die Heimat von Moora, Niedersachsens ältester Moorleiche" passte auch inhaltlich gut zur Umgebung. Ich fand's klasse.

Sieben Teilnehmer saßen zu Beginn des Kurses im Seminarraum und hörten Michael Hepe aufmerksam zu. Der wirkte mit seinem wilden Bart, der Latzhose und seiner persönlichen Art, die ohne jegliche überflüssige Höflichkeitsfloskeln war, wie ein etwas verschrobener Professor, der nur für ein Seminar zwischendurch mal sein Experimentier-Labor verließ. Als Puppenspieler, der auch eine Prinzessin spielen konnte, hätte ich ihn nicht auf Anhieb besetzt. Socken trug er nicht, aber es war sommerlich warm und die trug keiner von uns.   

Ich hatte damit gerechnet, dass es an diesem ersten Kursabend eine Einführung in die Theorie der Klappmaulpuppe geben würde und eine Vorstellung über den weiteren Kursablauf ab dem nächsten Morgen, aber es ging gleich richtig los. Jeder Teilnehmer sollte das Profil seiner geplanten Figur skizzieren, in die passende Größe vergrößern und als Papiermuster anlegen. Für die Anfänger im Kurs war das etwas schnell, aber auch ich war plötzlich unter Druck, denn ich hatte keine Figur geplant. Zuerst wollte ich mal abwarten, was es mit den Socken auf sich hatte und was für Möglichkeiten in diesem Baukurs überhaupt angeboten wurden.

Jetzt musste ich ganz schnell entscheiden: Monster? Kind? Katze? Ente? Lustig? Ernsthaft? Michael Hepe wünschte sich, dass es auch schwierige Figuren gäbe, damit an den dann auftretenden Problemen alle etwas lernen könnten. Damit war für mich der einfache, runde Kopf raus, weil der keine Herausforderung war. Aber sollte ich eine total komplizierte Figur wählen, nur damit ich daran verzweifeln und alle schlauer werden würden? Kurzentschlossen wählte ich ein Schaf, eine Figur, an die ich vorher niemals gedacht hatte. Das war zwar nicht kompliziert, aber das Schaf sollte eine dicke, lange Nase bekommen und hatte damit eine ziemlich längliche Klappmaul-Form. Groß genug, um vielleicht Probleme zu bekommen, aber machbar. Außerdem sollte es etwas blöd aussehen, aber das bekam ich alleine hin.

Als ich die Sockenpuppe ansprach und meine erste Befürchtung, dass ich drei Tage lang an einer bauen würde, nickte Michael ernsthaft: "Sockenpuppen gibt es nicht, aber die Socken kommen noch". Ich fand das nicht unbedingt beruhigend - wo sollte mein Schaf Socken tragen? -, mochte aber die trockene, sparsame Art des Dozenten sehr. Der hörte gut zu, dachte sich seinen Teil und sagte mengenmäßig genau das, was nötig war. Das hieß nicht, dass er schweigsam war. Zwischendurch erzählte er Geschichten aus seinem Arbeitsleben und von skurrilen Ereignissen und brachte die Zuhörer zum Lachen. Er war eben nur nicht der Smalltalk-Quatscher, der Energie mit Überflüssigem vergeudete. Sobald ihn jemand aber etwas fragte, war er sofort zur Stelle, zeigte, machte vor und erklärte. Dass er ein umfangreiches Fachwissen hatte, war sofort zu merken. Humor hatte er auch. Und wenn er Ja sagte, meinte er Ja.

Außerdem hatte er jede Menge selbstgebauter "Spezialwerkzeuge". Mit dem tüftelnden Professor hatte ich gar nicht falsch gelegen, das wurde mir klar, als er die selbstgebaute Schaumstoffsäge aufbaute und erklärte. Ein altes elektrisches Messer, mit dem woanders Bratenstücke in schmale Scheiben geschnitten wurden, das von einer bestimmten Firma sein musste, weil nur das den Schaumstoff sauber schnitt, war an einem mit Flügelschrauben justierbaren Tischbein befestigt. Es wurde mit der Klinge nach oben in einen Arbeitsbock eingespannt, senkrecht ausgerichtet und ersetzte eine teure Bandsäge. Zumindest auf Reisen und in kleinen Seminarräumen. Für ein Bratenmesser machte sie das überraschend ordentlich.

Am ratternden Küchenmesser schnitten wir unsere aufgemalten Profile aus dem Schaumstoff und schnitzten die Formen mit Cuttermesser und Schere zurecht. Der Tüftel-Dozent legte als weiteres Werkzeug einen selbstgemachten Lochstanzer auf den Tisch ("Einfach ein Stück Stahlrohr an einem Ende anspitzen") und erklärte nebenbei, wie man mit Modelleisenbahnzubehör oder einem Rocksaum-Markierer Nebelstöße auf der Puppenbühne fabrizieren konnte. Mit den Tiefkühl-Pizzakartons, die für viele Arbeitsschritte ideal waren, arbeiteten wir da schon.

"Wir sind gut in der Zeit", lobte Michael Hepe am Abend erfreut und erklärte, dass er nicht gedacht hatte, dass wir am ersten Kurstag alle schon den Kopf schnitzen. Allerdings hatte er da noch nicht bemerkt, dass seine Uhr am frühen Abend stehen geblieben war und es inzwischen Nacht war. Somit hatten wir dann doch einen fast kompletten ersten Kurstag gehabt.

Am nächsten Tag ging es an die Klappmäuler. Zuerst wurde viel Innenleben aus den Köpfen entfernt, dann kamen nicht nur die Socken, sondern auch Schuhsohlen zum Einsatz. Dass ein noch besserer Halt mithilfe halbierter Kunststoff-Fahrradgriffe möglich war, wunderte mich gar nicht mehr. Der Tüftel-Dozent gab den Tipp, dass die Schuhsohle auch durch ein Stück alten Treckerreifenschlauch ersetzt werden könnte. "Habe ich gerade nicht da", warf ich keck ein, und er ergänzte: "Wer den nicht hat, kann auch einen LKW-Schlauch nehmen." Ich hatte Spaß und war außerdem froh, dass die Socke mit einer sinnvollen Aufgabe im Klappmaul verschwand und dort im Verborgenen als Sockenpuppe tätig wurde.

Inzwischen fing ich vor Freude breit an zu grinsen, wenn der Satz kam: "Ich hab da ein Spezial-Werkzeug!" Es war einfach großartig, aus welchen Fernbedienungen, Innenteilen und Zweckentfremdungen Michael Hepe funktionierende und wunderbar passende Arbeitswerkzeuge und Endprodukte bastelte. Den ganzen Kurs über wartete ich, dass er irgendwo einen Mixer erwähnte, aber erstaunlicherweise war der nicht dabei. Vielleicht wurde auch nur das Werkzeug, in dem er ihn eingebaut hatte, aktuell nicht benötigt und darum nicht erwähnt.

Mittlerweile wurde Michael Hepe von Kursteilnehmern schon liebe- und respektvoll "MacGyver" genannte, nach dem Helden einer amerikanischen Serie, der mit einer ungewöhnlichen Nutzung von Alltagsgegenständen Lösungen für alle Probleme fand. Während MacGyver mit Schokolade Lecks stopfte oder aus einem Kühlschrank und Propangasflaschen einen Heißluftballon baute, präsentierte der Kursleiter selbstgemachte Feinwerkzeuge mit Silikonspitzen, an denen kein Kleber haften konnte, erklärte den Einsatz elektrischer Autoantennen im Marionettentheater und malte Skizzen diverser Selbstbau-Hilfsmittel am Clipboard auf. Das Vertrauen in seinen Erfindergeist war so groß, dass, als er einen Schneidzirkel zeigte, sofort lachend: "Selbstgemacht?" gefragt wurde und erstaunte Reaktionen kamen, als er: "Nein, den kann man kaufen" antwortete. Spätestens bei einem Schneidzirkel hätte ich den umgebauten Mixer erwartet, der mit Schallplattennadeln an den Quirlen zwei gleich große Kreise in jeden Untergrund mixen konnte. Aber das war ihm wohl zu einfach. Oder der Mixer drehte nicht exakt genug.

Auch an den weiteren Abenden ging es im Seminarraum bis in die Nacht weiter. Der Seminarleiter hätte nicht dabei sein müssen, blieb es aber helfend, beratend und hin und wieder eine Geschichte erzählend. Vermutlich war er nur darum im Einsatz, weil es ringsherum viel dunkle Landschaft gab und es in der Werkstatt deutlich lustiger war, aber die Teilnehmer nahmen es nicht als selbstverständlich hin, sondern fanden es klasse. Und wenn Michael Hepe eine seiner Puppen zu Demonstrationszwecken auf der Hand hatte und sie fast versehentlich einen kurzen Satz sprach, gab es keinen Zweifel, dass er auch Prinzessinen spielen konnte.

Unterbrochen wurden die langen Tage an den Werktischen nur von den Essenszeiten, und da die meisten Teilnehmer die Vollverpflegung zum Kurs gebucht hatten, gab es gemeinsame Frühstücke, Mittag- und Abendessen. Dazu jeden Tag einen Kuchen am Nachmittag, Kaffee gab es sowieso immer. Susanne Lebherz kochte und versorgte liebevoll und wäre auch auf kulinarische Sonderwünsche eingegangen, die es bei diesem Kurs aber nicht gab. 

Am dritten Tag wurden die Köpfe mit Stoff bezogen. Michael Hepe zeigte, wie der Stoff gefaltet, geklappt und glatt über das Maul gezogen wurde, und an seinem Demonstrationsobjekt entstand mit wenigen Handgriffen ein sanft umspanntes Klappmaul mit einer schönen Falte im Mundwinkel. Ach, das ging ja ganz einfach. Hier rum, da rum, hinten ziehen und fertig. Kaum probierten wir es selber an unseren Puppenköpfen, warf der Stoff überall Falten, nur nicht im Mundwinkel, oder wenn, dann dort mindestens drei. "Ich hab gedacht, ich habe einen ganzen Tag zum Nähen", stöhnte eine Teilnehmerin. "Und jetzt brauche ich den ganzen Tag, um einen Mundwinkel hinzubekommen."  

Für den Dozenten wurde es etwas stressiger, denn er blickte in die Runde, stürzte immer wieder los und rief: "Nein! Hier keinen Kleber!" oder "Nicht so viel!" und versuchte zu retten, was fröhlich verklebt oder falsch gezogen wurde. Vermutlich erstaunte ihn, dass einige Teilnehmer falsche Klebermengen nahmen oder nass klebten, wo sie hätten trocken kleben müssen, weil das für ihn so selbstverständlich war, dass er nicht immer rechtzeitig darauf hinwies. Trotzdem erhielten nach und nach alle Köpfe ihre Mundwinkelfalten und der nächste Arbeitsschritt war erreicht, das Vernähen. 

Während der eher ruhigen und etwas langwierigen Nähphase wurden verschiedene Möglichkeiten für Augen erklärt und halbrunde Formen aus Polystyrol mit der selbstgebauten Tiefziehmaschine und einem Heißluftfön hergestellt. An den Augen wurde gebohrt, geklebt und alles nach dem Einbau mit "Plastikpampe", dem Dozentenfachbegriff für "Heißkleber" fixiert.

Als eine Teilnehmerin unerwartet Heißkleber auf die Hand bekam und zum Waschbecken mit dem kalten Wasser eilte, hielt Michael Hepe sie mit dem Ruf: "Ich hab da was!" zurück. Er schwenkte auffordernd einen mittelgroßen Hammer. Häh? Ich starrte ihn verwundert an. "Soll sie sich damit irgendwo drauf hauen, damit es woanders weh tut und sie den Heißkleber nicht mehr merkt?" wurde gefragt, was genau mein Gedanke war. Jetzt guckte der Dozent ebenso verwirrt zurück wie wir ihn vorher angesehen hatten. "Das ist Metall", erklärte er sachlich. "Und Metall ist kalt und kühlt die Stelle sofort." Das genau war der Unterschied zwischen Tüftlergeist und dem Denken in vorschriftsmäßigen Bahnen. Während er bei Hammer auch "Metall" und "Kälte" assoziierte, folgerte ich nur: "Hammer - Zuschlagen".

Am letzten Seminartag wurde fleißig eingebaut, vernäht und geklebt. Einige Körper wurden ausgesägt, hier und dort Hände geschnitzt, Ohren und Nasen bezogen und Farbe auf den Stoff gegeben. Auf jeden Fall sollten die Köpfe fertig werden, wo es möglich war, noch ein wenig mehr. "Gestern war ich noch hektisch und wollte alles schaffen", sagte eine der Teilnehmerinnen. "Aber seitdem ich weiß, dass ich nicht alles fertig bekomme, bin ich ganz entspannt." Gut gelaunt nähte sie am zweiten Ohr herum.

Der vier Tage-Kurs, der wegen einiger Umstände so ungewohnt kurz gemacht werden musste, war eindeutig zu kurz für eine komplette Puppe. Trotzdem war bei den Teilnehmern die wachsende Freude über die Ergebnisse zu spüren, denn die bis dahin im Baumodus befindlichen Schaum- und Stoffköpfe waren mit den eingesetzten Augen plötzlich zu Persönlichkeiten geworden. Die Stimmung im Kurs wurde noch lustiger und lachbereiter. Es flossen sogar Tränen, weil so gelacht wurde.

Da am letzten Kurstag pünktlich Schluss gemacht werden musste, fiel die Nachtschicht weg. Bis zum Ende des Nachmittags wurde genäht, begutachtet, geholfen, mit "Plastikpampe" verklebt und viel gelacht. Nach dem Aufräumen gab es ein schnelles Gruppenfoto und eine kurze Abschlussrunde, dann führte einer der Teilnehmer eine kleine Zaubernummer vor, mit der er auch Skeptiker verblüffte. Auf die Lösungsvorschläge hinsichtlich seines Tricks reagierte er nur mit schweigendem Lächeln. Michael "MacGyver" Hepe Benecke sagte nichts und wusste vermutlich genau, wie der Trick funktionierte. Ich vermutete schwer, dass er ihn nicht nur durchschaute, sondern auch noch ausbauen konnte. Wahrscheinlich würde er mithilfe eines alten Mixers, einer Fernbedienung und einer halben Holzklammer auch komplette Zauberer verschwinden lassen können. Ihm traute ich in dieser Hinsicht so ziemlich alles zu.

Mit einem Schafskopf, der schön blöd gucken konnte und in seinem Inneren eine Socke versteckte, machte ich mich auf den Heimweg. Nette Leute im Kurs, ein angenehmer Kursort und ein individueller Seminarleiter, der manchmal ein wenig kantig wirkte, aber wunderbar kreativ, unangepasst und eigenständig war. Nicht nur sein Fachwissen war unerschöpflich, auch seine Geschichten, die trockenen Bemerkungen, die Bautipps und die selbstgebauten Spezialwerkzeuge waren eine große Freude.