"Köpfe und Figuren aus Hartschaummaterialien", Seminarleiter: Bodo Schulte
Figurentheater-Kolleg Bochum, 6.-11. Juni 2016

"Häh?", war eine häufige Reaktion auf meine Ankündigung, dass ich einen Hartschaumkurs besuchen würde. Die Erklärung, dass ich dort aus Dämmmaterial Puppenköpfe bauen konnte, machte es nicht besser. Egal. Nachdem ich einmal zugesehen hatte, wie Bodo Schulte mithilfe eines Cuttermessers in kürzester Zeit aus einem Hartschaumwürfel einen Handpuppenkopf geschnitten hatte und der danach wunderschön kaschiert wurde, wollte ich das auch lernen. Besonders das Kaschieren. Na klar, ich wusste ungefähr wie Schnitzen und Kaschieren geht, aber ich wollte es eben genauer wissen. Außerdem machten mir Kurse bei Bodo Schulte immer viel Spaß, und hätte er ein Heftchen herausgegeben, bei dem es einen Stempel für jede bei ihm absolvierten Kursart gäbe, wäre es bei mir inzwischen wohl schon voll. Fast voll, denn es stand ja noch der Hartschaumkurs an.

Zehn Teilnehmer saßen im Werkraum des Bochumer Figurentheaterkollegs und erfuhren zuerst, was für verschiedene Arten von Hartschäumen es gab und was man alles aus ihnen machen konnte. Im Prinzip alles. Zumindest das, was leicht und trotzdem stabil sein sollte. Der Dozent hatte eine Kiste voller Musterbeispiele mitgebracht, zeigte bunte, bewegliche Tischfiguren, glänzend polierte Flächen, feine Holzmaserstrukturen und klopfte mit filigranen Handpuppenköpfen fest auf den Holztisch, um ihre Stabilität zu zeigen. "Das ist auch aus Hartschaum?", war immer wieder die ungläubige Frage der Teilnehmer, die Bodo Schulte ständig bestätigte. Außer bei zwei Handpuppenköpfen, die aus Holz waren und nur wegen ihrer typischen Form dazwischen lagen. Da sagte er dann: "Nein, die sind aus Holz." Vermutlich hätte ihm aber jeder geglaubt, dass auch sie täuschend echt aus Hartschaum gebaut waren, wenn er es behauptet hätte.

Das Anfertigen eines Figurenkopfes war eine gute Möglichkeit, um das Material kennenzulernen und relativ schnell ein Ergebnis zu haben. Wer noch nicht wusste, was er machen wollte, blätterte in vom Dozenten mitgebrachten Büchern, um Ideen zu bekommen. Sehr von ihm favorisiert wurden grausige Monsterzeichnungen und er hätte sich vermutlich gefreut, wenn jemand so etwas gebaut hätte. Im Gegensatz zu ihm würde ich die fertige Figur nach dem Kurs aber ständig in meinem Arbeitszimmer ansehen müssen, beziehungsweise sie würde mich ansehen, was viel schlimmer war und sicher nicht folgenlos für mein Gemüt bliebe. In mein Arbeitszimmer durften grundsätzlich nur Dinge, die mich zum Lächeln brachten.

Vor dem ersten Schnitt gab Bodo eine kurze Theorieeinheit zum technischen Zeichnen. Einfach drauflos schnitzen wäre möglich, würde aber möglicherweise viel Abfall und nicht unbedingt die gewünschten Ergebnisse bringen. Außerdem war es unprofessionell. Wenn schon, dann richtig. Vorderansicht, Seitenansicht, Draufsicht. Was auf dem Flipchart wie ein kleines, hingekritzeltes Spiel aussah, wurde für 3D-schwache Teilnehmer zur Herausforderung. Der Dozent erklärte wie Nasen von oben aussahen, wie an den Formen variiert werden konnte und wie Hände in technische Zeichnungen umgewandelt werden.

Ich war ohne Bauvorhaben gekommen und entschied mit Blick auf die Musterbeispiele spontan, einen kleinen Affen zu bauen. Am liebsten mit Holzmaserstruktur, aber da wollte ich mich noch nicht festlegen, weil ich mir dachte, dass das aufwändig werden könnte. An einer zierlichen Affenfigur würde ich nicht nur das Schnitzen und Kaschieren üben können, sondern gleich auch noch die Herausforderung einer kleinteiligen Fummelarbeit haben. Außerdem sollten die Körperteile beweglich verbunden werden - es gab viel zu tun. Aber ich war ja da, um zu lernen und zu arbeiten, und nicht, um Spaß zu haben. Ach nee, Spaß hatte ich ja sowieso immer außerordentlich viel.

Zuerst ging es an den Kopf. Mein Ziel war zwar eine ganze Figur, aber bei allen weiteren Affen-Körperteilen würde ich mich nach der noch vorhandenen Zeit richten. Lieber am Ende einen komplett fertig gearbeiteten Affenkopf mit nach Hause nehmen, als ein lückenhaftes Affen-Gliedmaßen-Puzzle in unfertigen Einzelteilen. Das Ausschneiden der Rohform an der Bandsäge war spannend, weil der Hartschaumwürfel beim Sägen außen ziemlich viereckig blieb, während er im Inneren gebogene Formen bekam, die aber erst nach dem Auseinanderblättern der Teile zum Vorschein kamen. Da musste man einfach mal der Bandsäge und der eigenen Vorzeichnung vertrauen.

Das Schnitzen war die nächste Herausforderung. Im Gegensatz zu Weichschaum war Hartschaum dann tatsächlich hart und ließ sich an den Ecken nicht einfach mal zur Seite biegen, sondern brach dann ab. Wenn Bodo Schulte schnitzte, schälte er wie beim Kartoffelschälen schnell und mühelos schmale, saubere Streifen ab. Bei mir hakte die Klinge, fraß eckige Kanten und hinterließ grobkörnige Schnittspuren. Es dauerte etwas, bis ich heraus hatte, wie ich das Messer zart ansetzen und ganz leicht durchziehen musste, aber auf einmal hatte ich es. Wow! Dass simples Kartoffelschälen so ein strahlendes Glücksgefühl auslösen konnte! Und dann auch noch, wenn es gar keine Kartoffeln waren, sondern blaues Styrofoam.

Ringsherum wurde an Köpfen geschnitzt, das leise Schaben der Messer war beständig zu hören, die Hartschaumschnipsel fielen leise auf die Tische, zwischendurch knatterte die Bandsäge und hin und wieder wurde gestöhnt, wenn es dann doch mal wieder schwierig erschien. Tiefliegende Augenhöhlen konnten man nämlich nicht mit langen Kartoffelschäl-Schnitten hinbekommen. Der Dozent ging herum, gab Tipps und sagte angesichts der viereckigen Grundformen häufig: "Hier muss noch viel mehr weg!" Manchmal griff er zum Messer, fragte: "Darf ich?", und wenn der Teilnehmer freudig nickte, schnitt er mit schnellen, sauberen Schnitten überflüssiges Material heraus. "Du musst mich stoppen, sonst mache ich immer weiter", schreckte er dann plötzlich hoch und unterbrach sofort, aber einige Teilnehmer hielten augenscheinlich die Luft an und bewegten sich nicht, um ihn so lange wie möglich schnitzen zu lassen.

Kaum war mein Affenkopf entstanden, begann ich mit einem passenden Körper. Das Schnitzen ging erstaunlich schnell. Allerdings wurde es bei mir komplizierter, weil ich plötzlich den Hals drehbar in den Körper einsetzen wollte. Mmh, wie sollte ich das am besten machen? Weil inzwischen die meisten Köpfe fertig geschnitzt waren, zeigte Bodo am Dozentenpult schon, wie mit einer Leimmischung und Papierschnipseln Lage für Lage kaschiert wurde. Auch da gab es Varianten bei der Klebermischung und beim Papier, je nachdem, was am Ende erreicht werden sollte. Ich blickte auf die Affenteile - irgendwie musste ich den Halseinsatz kaschiert und trocken haben, ehe ich den Körper zusammensetzen und von außen bearbeiten konnte. Ging das überhaupt? Und hatte ich genug Zeit, um am Ende noch sorgfältig eine Holzmaserstruktur auf die vielen kleinen Körperteile zu bringen? Nein, dachte ich und entschied mich für eine einfache Kaschur. Wie schön, dass ich flexibel war und meine Ziele spontan ändern konnte. Dass ich jetzt schon genau wusste, wie ich eine Holzmaserstruktur hätte machen können, machte die Entscheidung leicht.

Überall war nun das Reißen von kleinen Papierschnipseln zu hören, die in mehreren Lagen auf die Figurenteile geklebt wurden. Erst jetzt wurde mir klar, dass ein kleiner Affe nicht kleine, sondern an vielen Stellen sehr kleine Papierschnipsel braucht, damit sie sich faltenfrei an die kleinen Rundungen anlegen lassen. Da dachte ich aber noch nicht daran, dass winzig kleine Affenfinger ganz fitzelwinzige Papierschnipselchen brauchen und dass ich noch millimeterkleine Stückchen reißen würde, um die zarten Fingerspitzen zu bekleben. Immerhin ahnte ich schon, dass ein mittelgroßer Elefant unter Umständen schneller kaschiert war als ein kleiner Affe.

Dass ich mir während der Arbeit dreimal heftig in die Finger schnitt, lag nicht am Schnitzen. Zwei der Schnitte bekam ich in die rechte Hand - ich bin Rechtshänderin -, was in diesem Fall die Blödheit leider deutlich dokumentiert. Mal griff ich achtlos nach dem abgelegten Messer und dabei genau in die Klinge, oder ich sah beim schnellen Griff in die Dose mit den Ersatzklingen nicht genau hin. Die linke Hand wurde beschädigt, als ich das Messer mit gut gelauntem Schwung durch die Luft führte und der Finger unerwartet im Weg war. Den vierten Schnitt zählte ich gar nicht erst mit, weil der beim erneut achtlosen Griff nach dem Cutter genau in den gerade verheilenden vorherigen Schnitt ging. Zum Glück hatte ich eine gut gefüllte Pflasterpackung dabei, war allerdings vorher davon ausgegangen, dass ich echte, ehrfurchterbietende Schnitz-Verletzungen bekommen könnte und nicht so peinliche Beschädigungen.

Die bei allen Kursteilnehmern entstehenden Köpfe, Hände und zum Teil Füße sahen mit jeder Papierschnipselschicht schöner aus. Die ersten Teilnehmer begannen mit dem Bau von Gestellen, um spielbare Tischpuppen zu bekommen. Jetzt wurde auch noch gebohrt, geschraubt und konstruiert. Bodo half mit Tipps, erklärte Baulösungen und hatte immer eine passende Idee. Manchmal musste er sagen: "Nein, so kannst du das nicht machen", aber immer folgte ein Alternativvorschlag: "Dann mach es doch SO ...!" Ich werkelte an meinem Affen herum, der nicht schwierig, aber arbeitsaufwändig war, und empfand es als schönes Gefühl, zu wissen, dass mit Bodo jedes Problem lösbar war. Zumindest im Figurenbaubereich. Bei Rotweinflecken in der Tischdecke und akuten Blinddarmentzündungen eventuell weniger. Vielleicht aber auch da. Mein Vertrauen war groß.


Während sich die anderen Köpfe ihrer finalen Fertigstellung näherten, sah mein noch unfertiger, aus mehreren Stücken bestehender Affe wie eine eben ausgebuddelte, ägyptische Grabbeilage aus. Faszinierend. Auch wenn es etwas Zeit brauchte, die Gelenkverbindungen einzusetzen und alle Rundungen in verschiedenen Durchgängen zu kaschieren, machte mir das Werkeln viel Spaß. Es war verblüffend, wie hart und stabil die Schaumstoffteile durch das Kaschieren wurden und wie sich das Material plötzlich änderte. Vorher war es ein künstlicher Baustoff gewesen, jetzt wirkte es viel natürlicher und echter. Als ich dem Affen kleine Glasaugen einsetzte, wurde er lebendig und guckte ernst und ein bisschen überfordert in die Welt. Hach, bei kleinen, ernst guckenden Affen schmolz mein Herz.

Das meditative Glücksgefühl beim Kaschieren, das der Dozent versprochen hatte, blieb bei mir allerdings aus, als ich die fitzelkleinen Finger mit fitzelkleinen Schnipseln umkleben musste und die Fitzeldinger den tupfenden Pinsel nicht verlassen wollten oder an meinen korrigierenden, leicht leimklebrigen Fingern kleben blieben oder sich hinten wieder ablösten, während ich vorne klebte. Außerdem störten die Pflaster an meinen Fingerspitzen bei der Feinarbeit. Ich blieb trotzdem geduldig dran, verzichtete aber auf die geplante dritte Kaschur der Affenpfoten mit ihren insgesamt 20 Fingerchen. Der Affe war ein Übungsstück, das nachher nicht bespielt wurde, da ging es mir ums Lernen und nicht um eine möglichst ideale Ausführung. Ich hoffte nur, dass ich die beiden Papierlagen beim abschließenden Schmirgeln nicht sofort wieder wegrubbeln würde. Wär ja dann doof.

Alternativ zum Kaschieren mit Papier konnte der beleimte Hartschaumkopf auch unter einer Holzstaubdusche mit feinen Partikeln beschichtet werden. Das ging schnell und einfach. Ich überlegte kurz, ob das die Lösung für die Affenfinger wäre, aber da sich das Holzmehl in alle feinen Strukturen setzte, hätte der Affen womöglich sehr unfiligrane Klumphände bekommen und das war ihm, nur wegen meiner eigenen Bequemlichkeit, nicht zuzumuten.  

Nach dem Trocknen der letzten Papierschicht wurden die Stücke geschliffen. Wer sie ganz glatt haben wollte, schliff sehr lange, die anderen glichen nur die groben Unregelmäßigkeiten aus. Mein Affe durfte gar nicht stark geschliffen werden, weil ich dann an einigen Stellen wieder auf der Grundschicht angekommen wäre. Zuhause würde ich mindestens eine, wenn nicht zwei weitere Schichten auftragen, aber im Kurs wollte ich lieber alle Bearbeitungsstufen bis zum Ende durchbekommen.

Nicht nur beim Kaschieren gab es viele verschiedene Möglichkeiten, auch beim anschließenden Einfärben war fast alles möglich. Von deckenden, bunten Lacken über Buntstifte bis hin zu einer leichten Bienenwachslasur oder Kombinationen von allem. Bodo erklärte verschiedene Methoden und malte Beispiele auf seine Musterstücke. Da war er unempfindlich. Um seinen Schülern irgendetwas anschaulich zu zeigen, schnitt er auch mal Ecken ab, klebte eine plumpe Ergänzung dran, oder bemalte ein Stück beispielhaft mit weiteren Farben. "Oh, nein! Nicht bei dem schönen Teil!", dachte ich manchmal besorgt, aber da war es meistens schon geschehen.

So war er eben. Er gab seine Erfahrungen und seine Tricks genauso ungebremst ab, wie er passendes Material für kniffelige Stellen in seiner persönlichen Baukiste suchte oder sich Gedanken über für ihn neue Bauprobleme machte, damit ein Teilnehmer seinem Ziel möglichst nahe kam. Zusammen mit seinem vielfältigen Wissen und seiner offenen, positiven und humorvollen Art, waren das die Gründe, warum seine Kurse so beliebt waren. Er baute selber gerne und freute sich, wenn Teilnehmer mit Freude dabei waren, etwas lernten und eigene Ideen entwickelten.

Am letzten Tag wurde geschliffen, bemalt und weitgehend fertig gestellt. Wer wollte, konnte sich von Bodo eine Kolorierung beginnen lassen, um zu sehen, wie es ging, und wer dabei sehr still und atemlos stand, hatte Chancen, dass der konzentriert arbeitende Dozent ziemlich weit damit kam.

Ich überzog meinen nur sehr zart bemalten Affen zum Abschluss mit einer dünnen Schicht Bienenwachs und freute mich sehr, dass alle Fingerchen ihre Kaschur behalten hatten und das kleine, federleichte Kerlchen so äußerst stabil wirkte. Noch mehr freute ich mich über meine Erkenntnis, dass beim Bauen jetzt alles möglich war. Ich wusste, wie ich Klappmaulpuppen aus weichem Schaumstoff bauen konnte, wie ich Handpuppenköpfe und kleine Affen aus Hartschaum machen konnte und wie ich sogar große Bühnenteile für meine Puppenbühne herstellen könnte. Außerdem war mir klar, wie ich eine Steinoptik erreichen konnte, was ich für eine spiegelnde, glatte Holzstruktur oder für eine feine Holzmaserung machen musste. Hartschaum ließ sich mit Weichschaum verbinden, und es gab unzählige Varianten, die mal wenig und mal viel Arbeit erforderten, immer aber ein passendes Ergebnis bringen konnten. Alles war möglich. Was für ein großartiger Gedanke.

 

Glücklich mit dem, was ich gelernt hatte und welche neuen Möglichkeiten sich eröffnet hatten, fuhr ich nach Hause. Der Affe bekam einen Platz im Arbeitszimmer, von wo aus er mich ruhig und mit ernstem Blick bei der Arbeit beobachten konnte. Was war ich froh, dass dort jetzt kein sabberndes, unangenehmes Monster negative Stimmung verbreitete! Und was für ein Glück, dass es kein Bodo-Schulte-Kurs-Heftchen gab, in das es jetzt vielleicht einen letzten Stempel gegeben hätte. Dann hätte ich vielleicht gar nicht mehr zu weiteren Kursen von ihm gehen dürfen.